Ungewöhnliche Töne müssen Nasa-Mitarbeiter Dick Richards im vergangenen August zu Ohren gekommen sein, als er den Funkverkehr der sowjetischen Raumstation "Saljut 7" abhörte. Der Mediziner stellte nämlich die Behauptung auf, während des fünftägigen Besuchs von Swetlana Sawitzkaja im bemannten Satelliten sei es dort oben zum ersten Zeugungsversuch der Weltraumfahrt gekommen.

Als dann der Münchner Gynäkologe Guido Mutke in seiner Funktion als Leiter der Arbeitsgruppe "Frau in der Luft und im Weltall" der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin auf einer Fachtagung in Fürstenfeldbruck neue Erkenntnisse über das geheimnisvolle Treiben in "Saljut 7" präsentierte, griff die Öffentlichkeit das Thema freudig auf. So erkannte die Rheinische Post eine kulturelle Leistung und plazierte eine Meldung der associated press auf ihrer Feuilletonseite. Wie die association im All zustande kam, überließ ap freilich der Phantasie der Leser.

Dabei ist es doch ein (wissenschaftlich) überaus interessantes Problem, ob die "Experimente biologisch-medizinischer Natur", wie Tass sie umschrieb, tatsächlich natürliche Vorgänge gewesen sein können. Denn seit Anbeginn der Menschheit ist doch bekannt, daß zur Technik der Kindeszeugung eine gewisse Bewegungskomponente gehört. Wie also ist die Fortpflanzung unter den schwerelosen Bedingungen des Weltalls zu bewerkstelligen?

Guido Mutke gibt eine Antwort. Umfassend klärte er mich in einem Telephongespräch auf. "Der Zeugungsakt in einem Raumschiff ist durchaus möglich", meinte er, die Technik jedenfalls die gleiche wie auf Erden. Schon die geringste Bewegung in der Schwerelosigkeit aber, etwa das unbewußte Umdrehen im Schlaf, versetzt einem Menschen unkontrollierbare Impulse. Deshalb sind Hilfsmittel notwendig: "Kosmonaut und Kosmonautin müssen sich mit Karabinerhaken aneinanderketten. Sonst kriegen sie blaue Flecken dabei." Trotzdem gebe es, so Mutkes fachlich fundierter Vergleich, "sicherlich unangenehmere wissenschaftliche Experimente".

Irgend etwas aber klappte nicht zwischen Kosmonaut und Kosmonautin. Die russische Dame wurde nämlich nicht wie erwünscht schwanger. Das habe ihm, sagt Doktor Mutke, der wissenschaftliche Betreuer der sowjetischen Raumfahrer bedauernd mitgeteilt. Glücklicherweise vielleicht, denn inwieweit das Erbgut durch die kosmische Strahlung geschädigt werden kann, das ist noch unerforscht, jedenfalls im Westen. Wie die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt in Köln wissen läßt, sind die Amerikaner noch nicht über entsprechende Versuche mit Fröschen, Heuschrecken und Maissamen hinausgekommen. Und schon beim Zuchtversuch mit Maispflanzen im Weltraum zeigten die Blätter später auf der Erde unnatürliche gelbe Streifen.

Immerhin aber haben Commander Alister McLaine und Leutnant Tamara Jagolowsk, das Science-fiction-Paar aus dem TV-Raumschiff "Orion", fünfzehn Jahre nach ihren vielfältigen-Abenteuern zwischen den Galaxien in der wissenschaftlichen Realität ihre Nachfolger gefunden. Unklar bleibt allerdings, welcher der drei Kosmonauten aus "Saljut 7" nach welchen wissenschaftlichen Erfordernissen das Erbe McLaines alias Dietmar Schönherr angetreten hat.

Bernd Müllender