Von Erich Fried

Ein halbwegs gewissenhafter Rezensent liest ein Buch, liest es wirklich, von der ersten bis zur letzten Seite, läßt es sich durch den Kopf gehen, bespricht es vielleicht mit ein, zwei Menschen seines Vertrauens (oder liest andere Rezensionen). Dann schreibt er möglichst bald seine eigene, ehe er das Buch zu vergessen beginnt.

Mit diesem Buch aber habe ich schon geraume Zeit gelebt, es schon gut gekannt, bevor ich wußte, daß ich darüber schreiben sollte, und ich habe es, weil ich es für außerordentlich wichtig und gut halte, einigen Menschen zu lesen gegeben, in der Absicht, innen damit zu helfen. Das gelang auch. Dennoch war ich ziemlich ratlos, als ich es plötzlich besprechen sollte.

Wie bespricht man in der eigenen Sprache, auch wenn man sonst glaubt, Eindrücke und Gedanken halbwegs formulieren zu können, etwas, was Sprachessenz ist, gebrannte Sprache, brennende Sprache?

Eine Stelle in dem Buch liest sich so: "Was da geschieht, dahin reicht kein Erleben und keine Sprache. Da müßte der zerfetzte Raum schon seiber sprechen. Nach dieser Art von Gewalt bleibt aber nichts mehr zu sagen." Diese Feststellung der Autorin stimmt so genau wie alle ihre Feststellungen. (Die ungenauen sind nur genaue Darstellung des Versinkens in Dämmerzustände, des Auftauchens aus Bewußtlosigkeit oder Wahn.)

Acht Geschichten, wenn es Geschichten sind und wenn es acht sind, nicht in Wirklichkeit nur eine, die immer gleiche, immer andere Geschichte eines Menschen, einer Frau, stillstehend, dann wieder springend, dann wieder gequält und qualvoll langsam, immer unerträglich spannend. Die mittlere Geschichte, "Übergang", die dem Buch seinen Titel gibt, ist die längste. Ein Überfall auf eine junge Frau, seine Sinnlosigkeit, ihre Verwundung, ihr Zustand, die Behandlung im Krankenhaus, die zwar die Heilung will, vor allem aber kühle Verwaltung der Wunde und der Verwundeten ist, also Echo der ihr angetanen Gewalt; die Ungleichgewichtszustände zwischen Unheil und Heilung, die Fragwürdigkeit des Genesens einer Frau in dieser Welt.

Die ersten Worte auf der ersten Seite des Buches: "Ich bin ständig auf der Flucht vor anderen Menschen. Sie haben nur eins im Sinn: mich auszubeuten oder umzubringen."