ARD, Donnerstag 19. Mai, 23 Uhr: Silicon Valley – "Tal der Talente" von Dieter Seemann

Der Vorteil des Fernsehens sind seine guten Bilder – bewegte Bilder zumal. Sinnvoll eingesetzt lassen sich damit Informationen vermitteln, für die die schreibende oder sprechende Konkurrenz oft nicht den Platz oder die Zeit hat; falsch verwendet aber sind bunte Bilder nicht mehr wert als ein Kaleidoskop: schön anzusehen, aber eher verwirrend als erklärend.

Dieter Seelmanns Bericht gehört in die zweite Kategorie. Sein Streifzug durch das Silicon Valley in Kalifornien zeigt das Amerika-Bild eines Werner Baecker – aber erklärt nichts über die Mikroelektronik und über das Geheimnis der "pfiffigen Jungs", die mit dieser Technologie ihr Glück gemacht haben. Bunte Szenen aus diesem Tal wechseln mit blaustichigen Momentaufnahmen aus den Produktionsstätten. Der Anfang ist so aufregend wie der Vorspann von "Dallas" – und so zusammenhanglos sind oft Bild und Text. Viele glückliche amerikanische Menschen und viele schöne, aber unverständliche Firmenschilder zeigen, wie es in Palo Alto und anderswo im Santa Clara County aussieht, aber sie vermitteln nichts.

Erst im zweiten Teil des Films wird überhaupt versucht, dem Zuschauer zu erklären, wozu denn Mikroelektronik benutzt wurde, was denn mit all diesen fingernagelgroßen Halbleiterplättchen gemacht werden kann, die da im Silicon Valley entstehen. Dieser Versuch aber, bei dem es nicht mehr damit getan ist, einfach eine Party in Amerikas Sonnenstaat abzufilmen, dieser Versuch wird nur mit der Sprache unternommen – und scheitert kläglich. Während für den Laien unverständliche Szenen aus der Fabrikation über den Bildschirm flimmern, betet der Sprecher beinahe beiläufig die Möglichkeiten der Mikroelektronik herunter.

Um so mehr werden dann einzelne Computerfirmen gelobt statt beschrieben, um so mehr wird in der Sprache der Werbung auf die Qualität ihrer Produkte hingewiesen. Selbst diese "Öffentlichkeitsarbeit" jedoch bleibt wirkungslos, denn wer bis dahin zugeschaut hat, der kennt ohnehin den Markt – so einfach lassen sich Computer auch im Spätprogramm nicht anpreisen,

Wo Werbung für die Schöne Neue Welt versucht wird, da ist ohnehin kein Platz für kritische Distanz. Glücklich scheinen sie deshalb alle im Silicon Valley. Kein Wort über die auch dort inzwischen drohende Arbeitslosigkeit; kein Hinweis auf die Umweltprobleme, die allzu sorgloser Umgang mit Chemikalien inzwischen auch diesem Tal gebracht hat.

Lediglich zum Schluß wird Kritisches zitiert: Die Mikroelektronik, so kündet der Sprecher, "wird uns das Paradies öffnen", aber sie mache auch die Hölle möglich, Der Zuschauer versteht das nur, wenn er die Quelle kennt: den Bericht des "Club of Rome" über "Mikroelektronik und Gesellschaft". Dieses Buch sollte er am 19. Mai lieber zur Hand nehmen; darin erfährt er zwar auch nichts über das Silicon Valley, aber wenigstens etwas über die neue Technologie, Richard Gaul