Das siebtgrößte Stahlwerk der USA soll von der Belegschaft gerettet werden

Von Peter Christ

Das Stahlwerk hat schon immer das Leben der kleinen Stadt bestimmt. Zweieinhalb Kilometer lang zerteilt es das Tal, drängt alles andere an den Rand und die Hänge hinauf. Sein Lärm, sein Staub und sein Gestank füllen die Luft. Riesige Türme und qualmende Schlote überragen alles, auch die edelstahlverkleidete Kuppel der orthodoxen Kirche. Seit Anfang des Jahrhunderts lebt die Stadt im Drei-Schichten-Rhythmus von der monströsen Fabrik, und sie lebte gut.

Die Arbeiter kassierten Spitzenlöhne, keine Krise schien dem Werk etwas anhaben zu können. Wer in Weirton im US-Bundesstaat West-Virginia aufwuchs, ging irgendwann ins Stahlwerk. Seine Mittelklassenexistenz war gesichert.

Doch jetzt ist das Leben des Werkes bedroht, und damit auch das der Stadt. Vor einem Jahr ließ die Muttergesellschaft von Weirton Steel das Management wissen, daß die Investitionen gestoppt, Teile der Produktion auf andere Werke im Konzern verlagert und die Belegschaft von gut zehntausend auf vielleicht 1500 verringert werden solle. Weitere Investitionen brächten mit großer Sicherheit nicht die gewünschte Rendite, begründete National Steel die Entscheidung. Das Werk operiere am Rande der Verlustzone. Möglich sei deshalb auch, daß der Betrieb völlig eingestellt werde. Eben Ausweg ließen die Eigentümer allerdings offen: Sie boten den Arbeitern das Werk zum Kauf an – für 330 Millionen Dollar.

"Ich habe nichts zu verlieren. Nur mit dem Werk habe ich hier eine Zukunft", beschreibt Skip Spadafora, einer der Vizepräsidenten der unabhängigen Stahlarbeitergewerkschaft, seine Lage. Sarkastisch stellt der Stahlarbeiter Johnny Bolzano die Situation dar: "Das ist wie russisches Roulette mit einer Patrone in jeder Kammer des Revolvers." Und die Sekretärin Janet Stagani meint: "Ich will hier nicht weg. Ich bin eine Kleinstädterin, lebe Tür an Tür mit meiner Mutter. Ich glaube, daß wir keine Wahl haben. Kaufen wir es und tragen die Konsequenzen."

Stirbt das Werk, dann stirbt auch die Stadt. In Weirton hängt alles vom Stahlwerk ab. Wer dort nicht selbst arbeitet, ist mit jemandem verheiratet, der dort arbeitet. Selbst der Bürgermeister der tristen Kleinstadt mit ihren 25 000 Einwohnern hat seinen Dienst bei der Polizei quittiert und einen besser bezahlten Job bei der Betriebsfeuerwehr übernommen. Und die zwanzig hauptberuflichen Mitarbeiter der Gewerkschaft werden auch vom Werk bezahlt. Niemand findet das merkwürdig, es war immer so.