Feine Sachen müssen neuerdings getragen aussehen: Von jenseits der Alpen kam der Knuddel-Look

Italienische Männer haben ja schon seit eh und je diese leicht zerknüllten Regenmäntel und gucken gelassener unterm dunklen Haarschopf. Im Sommer tragen sie gern Leinenanzüge, und niemand stört sich an den Falten in den Kniekehlen. Schließlich ist es heiß, und die Flachsfaser kühlt. Ob es nun Zusammenhänge gibt zwischen Stoff und Seelenanlage, ob stocksteife Jacketts eine allgemeine Zugeknöpftheit signalisieren oder gar hervorbringen, werden wir bald wissen. Der knuddelige Lässig-Look gelangte über die Alpen.

Die Mode-Designer, allen voran derselbe Armani, der den Männern das steife Innenleben samt Futter aus dem Jackett räumte, haben ihn herübergetragen. Hier kommt die kühlende Wirkung von Leinen bei zehn Grad Celsius im Wonnemonat Mai augenblicklich nicht so recht zur Geltung, aber die feinen Boutiquen haben klare Verhältnisse geschaffen, sie hängen randvoll mit leinenen Blusen, Röcken, Hosen, Blazern vor allem und weißen Kleidern, als bitte uns Sommerset Maugham für gewöhnlich zum Cocktail ins "Raffles" von Singapur. Alles werde gut verkauft, sagen die Besitzerinnen. Da haben manche Leute wohl einen harten Lernprozeß hinter sich.

Man braucht ja nicht gleich an das zu denken, was die schlesischen Weber so düster verwebten. Auch sonst verhält sich das Image von Leinen ganz schön sperrig zum verspielten Luxusding, das da so vermessen zu uns kommt. Proper lag es als Stolz der deutschen Frau im Wäscheschrank und stammte meistens aus Bielefeld, Hohlsäume wurden hineingestickt, und Großmütter können ein Lied davon singen, was man am Sonntag im weißen, Leinenkleidchen tun durfte und vor allem: was nicht.

Die Bearbeitung war aufs Appretieren aus, denn Leinen – und da sind wir beim Kardinalproblem – kraust zum Gotterbarmen. Das Knuadeln, das mögen wir nicht, schließlich haben wir nicht ein halbes Leben lang umsonst gelernt, wie man den Rock beim Hinsetzen glattstreicht. Und nun kommen Modemenschen und Südländer daher und sagen, das macht nichts, das kann ruhig, und kündigen den generationenalten Konsens auf, daß verkrumpelte Kleider unordentlich aussehen.

Der Fortschritt stellte sich dann auch nur zögernd ein. Noch vor drei Jahren kriegte man einen einschlägigen Rock in Hamburg nachgeworfen: "So was kann man hier nicht verkaufen. Bei den Großeltern zu Besuch, bügelte die Rockbesitzerin das edle, hier aber verkannte Stück zwischen Kaffeetrinken und Abendbrot schnell auf.

Die Wende kam im vergangenen Jahr, da griffen auch Herren aus den Chefetagen zum federleichten Jackett. Unbestreitbar ist, daß Leinen angenehm auf der Haut ist. Wir sagen das nicht ohne Andacht, seit uns die Eleganten und die Grünen in seltener Allianz den Sinn für Naturfasern geschärft haben. Die Farben sind besonders schön, und als die Designer die kostbare Faser scheinbar sorglos in lässige Stücke verwandelten, da traf das schon den Nerv von modelustigen Leuten: Nichts schreckt sie mehr als die Erinnerung an das Schnittkleid, bloß nicht adrett aussehen und zurechtgemacht.