Die Stimmung ist besser als die Lage. Diese lapidare Feststellung von Bankiers und Wirtschaftsverbänden haben die Aktienkäufer nachdenklich werden lassen. Auch die im Ausland. Denn seit einigen Tagen ist die seit nahezu sechs Monaten kaum unterbrochene Aufwärtsbewegung der deutschen Aktienkurse zum Stillstand gekommen. Ein Teil der bislang favorisierten Papiere wird bereits deutlich unter ihren bisherigen Jahreshöchstkursen gehandelt.

Die Banken versuchen, die in ihrer Kundschaft aufkommende Skepsis über die weitere Entwicklung mit optimistischen Prognosen einzudämmen. Sie behaupten weiterhin, daß das deutsche Aktienkursniveau im internationalen Vergleich noch zu niedrig liege, und daß im weiteren Verlauf dieses Jahres noch mit einem Kursanstieg um 15 bis 20 Prozent zu rechnen sei

"Eine längere Konsolidierungsphase oder gar ein möglicher Rückschlag der Aktienkurse sollte unseres Erachtens die Anleger nicht zu umfangreichen Verkäufen veranlassen. Vielmehr sollten sie eventuell niedrigere Notierungen zu weiteren Käufen von Aktien ertragsstarker Unternehmen oder Werten, denen aus unserer Sicht noch Nachholbedarf zuzubilligen ist, nutzen", läßt beispielsweise die Berliner Bank ihre Kundschaft wissen.

Bisher haben "Nachkäufe" einen ungeordneten Rückzug der deutschen Aktienkurse verhindert. Es kann aber kein Zweifel darüber bestehen, daß Ausländer wie Inländer die hohen Kurse der jüngeren Vergangenheit dazu benutzt haben, einen Teil der aufgelaufenen Kursgewinne sicherzustellen. Die Verkäufer dürften sich allerdings nicht für alle Zeiten von ihren Aktien verabschiedet haben. Mit einiger Sicherheit kehren sie dann zurück, wenn der Anstieg der Aktienkurse durch wirtschaftliche Realitäten untermauert wird.

In den USA scheint dies bereits der Fall zu sein. Der Dow Jones, gebräuchlichster Index für amerikanische Aktien, strebt ständig neuen Gipfeln zu. Aber auch hier rechnet man mit einem Rückschlag. Der Dow Jones – zur Zeit bei etwa 1230 – könnte, so heißt es in der Wall Street, noch einmal auf 1100 zurückfallen, "ehe er dann auf 1500 steigen wird". Solche Sprüche verfehlen ihre Wirkung nicht. Amerikanische Aktien haben an Anziehungskraft gewonnen. Bei den deutschen machen die Ausländer "Kasse". Jedenfalls überwiegen von dieser Seite die Abgaben.

Für besondere Anregungen ist die deutsche Börse jedoch nach wie vor empfänglich, wie sich an dem plötzlichen Anstieg der AEG- oder Hoesch-Aktie ablesen läßt. Ob er gerechtfertigt ist, steht auf einem anderen Blatt. Der AEG-Kurs kam im Zusammenhang mit Gerüchten ins Steigen, nach denen der Verkaufserlös für die ehemalige Tochter AEG-Telefunken Nachrichtentechnik sehr viel höher sein wird als bislang erwartet. Der Hoesch-Kurs geriet in Fahrt, als Hoesch-Chef Rohwedder die Neugestaltung seines Konzerns verkündete, dem es offenbar bessergeht, als die Forderungen auf Staatshilfe ahnen ließen.

K. W.