Von Annelies Furtmayr-Schuh

Ist das Leben älter als die Erde? Kam es aus den Tiefen des Weltalls auf unseren Planeten? Nicht nur Science-fiction-Autoren spinnen solche Gedanken. Auch der Geologe Hans Dietrich Pflug von der Universität Gießen vermutet, daß das Leben älter sei als die Erde – also "von draußen" kam.

"Bakterien, auch der primitivsten Art, sind relativ hoch entwickelte Organismen", argumentiert Pflug. "Die Spanne aber zwischen den ältesten Bakterienfunden in der Isua-Felsformation in West-Grönland und der Geburtszeit der Erde, das heißt zwischen 3800 und 4600 Millionen Jahren, erscheint mir nicht ausreichend für alle Schritte, die notwendig sind für die Evolution von einem hypothetischen Urorganismus zu einem Lebewesen von der Komplexität eines Bakteriums."

Pflug greift zwar nicht nach den Sternen, aber nach Meteoriten. Himmelsbruchstücke, so alt wie unser Sonnensystem, fallen täglich auf die Erde. Tatsächlich glaubt der Geologe, organische Reste gefunden zu haben, die in der Mineralstruktur von Meteoriten eingesiegelt sein sollen – Reste, die Pflug zufolge bei elektronenmikroskopischer Vergrößerung heute lebenden Mikroorganismen "aufs Haar" gleichen, aber nur etwa ein Zehntel so groß sind wie diese.

Obwohl Mikroorganismen nur aus einer einzigen Zelle bestehen und keine harten Körperteile wie etwa Knochen besitzen, können sie trotzdem im Gestein Jahrmilliarden überdauern. Das belegen Mikrofossilienfunde wie jene aus der Isua-Felsformation in West-Grönland, dem ältesten bekannten Gestein der Erde. Allerdings müssen Zellen noch zu Lebzeiten von einem Mineral eingeschlossen werden, wenn sie Jahrmilliarden überdauern sollen. Ein solcher Vorgang ist dem Geologen Pflug geläufig: "Gallertige Kieselsäure, wie sie aus den Vulkanen ins Meer gelangt, überzieht den Meeresgrund mit einem Schleier und hüllt alle Lebewesen darin ein – etwa so wie ein Tropfen Harz, der später zu Bernstein wird, beim Herabrinnen über den Baumstamm Fliegen oder Käfer unversehrt einschließt." Der kieselsaure Niederschlag auf dem Meeresboden kristallisiert später zu Quarz. Im Inneren der Quarzkristalle sind, hermetisch verschlossen wie Fliegen im Bernstein, die Meeresbakterien gefangen.

Die bakterienähnlichen Strukturen im uralten Gestein lassen sich freilich nicht wie eine Fliege im Bernstein mit dem bloßen Auge erkennen. Zunächst müssen Paläontologen wie Pflug ihre Proben in hauchdünne Scheibchen von einem Hundertstel Millimeter Dicke schleifen. Dann legen sie die Dünnschliffe unter ein Durchlichtmikroskop. Erst damit sehen sie die eingeschlossenen Mikroorganismen ab durchsichtige Gebilde. Meist ist sogar die Zellwand strukturgenau erhalten.

Die Mikrofossilien im Isua-Quarzit aus West-Grönland haben im Lauf der Erdgeschichte Temperaturen von mehr als 500 Grad Celsius und gewaltige Drücke über sich ergehen lassen müssen, weshalb sie vollkommen verkohlt sind. Trotzdem kann sich Pflug noch ein Bild von den Organismen machen. Durch feinste Haarrisse drang nämlich irgendwann Wasser in das Gestein ein und löste an vielen Stellen den Kohlenstoff heraus. So entstand an der Stelle, an der sich das Fossil befand, ein winziger Hohlraum. Seine Wände konservieren den Abdruck des ehemaligen Zellkörpers mit allen Einzelheiten, einem Farnblatt in der Steinkohle ähnlich.