Studentenleben in der Biedermeierzeit – Seite 1

Göttingen, im Sommer 1824: Der Traum von einem einigen, freiheitlichen Deutschland scheint ausgeträumt. Nach den "Karlsbader Beschlüssen" des Jahres 1819 unterliegen die Universitäten besonderer Reglementierung, liberale Geister werden als "Demagogen" verfolgt. Unter den Studenten herrscht Ratlosigkeit Lange Gespräche bei Kerzenschein, das kleine Glück im kleinen Kreis, kulturelle Langeweile, politischer Stillstand – so unbekannt kommt einem Leser des Jahres 1983 das studentische Lebensgefühl jener Tage nicht vor. Vielleicht ein Grund, dieses dem unsrigen merkwürdig verwandte Zeitalter einmal von innen zu besichtigen. Die Möglichkeiten hierfür sind günstig.

Denn es war eine Zeit der Herzensergießung mittels Feder und Tinte, des Briefeschreibens, eine Blütezeit des Tagebuchs. Einige dieser persönlichen Mitteilungen, vor allem prominenter Zeitgenossen, wurden bald gedruckt – man denke nur an die Brief-Werke der Romantikerinnen, die Tagebücher Varnhagens und Martens – das meiste freilich ist wohl für immer verloren.

Unter den unbekannten Tagebuchschreibern dieser Jahre, deren Blätter erhalten blieben, war auch Eduard Wedekind, 19 Jahre, Student der Rechtswissenschaften. 1805 als Sohn eines Steuerdirektors in Osnabrück geboren, bezog er zusammen mit seinem älteren Bruder Karl, der ebenfalls Jura studierte, 1822 die Göttinger Universität. Begabt, ehrgeizig, mit Freude an der Beobachtung notierte er einige Jahre lang, was sich in ihm und um ihn bewegte: Frühreifes und Liebesleid, studentischer Alltag der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und einmalige Begegnungen mit Größen seiner Zeit, mit Goethe und Tieck. Doch ihr Überleben verdanken diese Aufzeichnungen vor allem der in ihnen dokumentierten Freundschaft des Autors mit einem später berühmt gewordenen Kommilitonen: dem Jurastudenten und Dichter Heinrich Heine.

1927 von dem Germanisten und Heine-Forscher Hans Heinz Houben erstmals in einer Auswahl publiziert, zeigen sich diese Aufzeichnungen in der Lebhaftigkeit ihrer Schilderung, ihrer atmosphärischen Darstellung auch heute noch vollkommen unverblaßt.

In den kommenden Wochen werden wir einige Auszüge aus Wedekinds Tagebuch veröffentlichen, die Auswahl (nach der Houbenschen Ausgabe) besorgte Benedikt Erenz.

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Donnerstag, 8. April 1824.

Studentenleben in der Biedermeierzeit – Seite 2

Karl und ich kamen in Göttingen an. Die Straßen schienen mir jetzt außerordentlich eng und klein; Studenten sah man fast gar Keine, es war alles sehr tot und stille. – Unsere Zimmer waren in Ordnung, und unser Wirt, Herr Heise, lieferte uns die Sachen ab, die wir ihm im Herbst in Verwahrung gegeben hatten. Wir blieben indes nicht lange zu Haus, sondern gingen in die "Krone" zu unserer Reisegesellschaft, die am andern Tag nach Kassel wollte und die wir daher heute noch ein wenig in Göttingen herumführten.

Unsere Reisebegleiter wollten einen Wagen nehmen und suchten nun Gesellschaft nach Kassel. Da kam ein Student, der mitfahren wollte, und meldete uns, daß Madame Stich aus Berlin in Kassel sei und morgen als Julia auftreten werde. Da ergriff uns eine solche Lust, sie noch einmal zu sehen, daß wir uns kurzweg entschlossen, mitzufahren.

Freitag, 9. April 1824, schon wieder von Göttingen fort. Karl und ich, Herr v. Hünersdorf und der Student, ein gewisser Herr v. Porbeck. Es wurde wirklich "Romeo und Julia" gegeben, ganz wie in Berlin, nach der Schlegelschen Übersetzung, Goetheschen (?) Bearbeitung und mit Ouvertüre und Musik zu den Zwischenakten und zur Handlung von Schneider. Madame Stich spielte wieder unvergleichlich, besonders gelangen ihr heute die Balkonszenen, in denen ich sie auch in Berlin noch nicht so lieblich gesehen hatte. Sie wurde auch am Ende herausgerufen und dankte. Herr Stich als Mercutio war freilich kein Devrient, aber er spielte doch auch sehr gut, viel besser, ab ich erwartet hatte.

Das Kasseler Theater ist wunderhübsch, so elegant wie keines in Berlin, dafür aber nur klein. Viele Studenten waren da, auch mehrere Göttinger Professoren. Auch der Kurfürst war im Theater und fuhr nachher, von vier Gendarmen begleitet, fort. Abends patrouillieren immer eine Menge Wachen; sobald es dunkel wird, rufen die Posten einen jeden an; sie haben scharf geladen. Niemand wagt seine Meinung laut zu äußern aus Furcht vor der starken geheimen Polizei, in Kassel haben die Wände Ohren und den Reisenden wird der Aufenthalt auf alle Weise erschwert. Selbst Studenten von Göttingen werden am Tore nach einem Paß gefragt und können gleich wieder ungeschickt werden, wenn sie keinen haben. Doch wird das jetzt nicht mehr so streng genommen; wir hatten auch keinen Paß. Der wachthabende Offizier schrieb daher hinter unsere Namen, die er sich notierte, "ohne Paß". Man fühlt sich jetzt in Kassel ordentlich, gedrückt.