Karl und ich kamen in Göttingen an. Die Straßen schienen mir jetzt außerordentlich eng und klein; Studenten sah man fast gar Keine, es war alles sehr tot und stille. – Unsere Zimmer waren in Ordnung, und unser Wirt, Herr Heise, lieferte uns die Sachen ab, die wir ihm im Herbst in Verwahrung gegeben hatten. Wir blieben indes nicht lange zu Haus, sondern gingen in die "Krone" zu unserer Reisegesellschaft, die am andern Tag nach Kassel wollte und die wir daher heute noch ein wenig in Göttingen herumführten.

Unsere Reisebegleiter wollten einen Wagen nehmen und suchten nun Gesellschaft nach Kassel. Da kam ein Student, der mitfahren wollte, und meldete uns, daß Madame Stich aus Berlin in Kassel sei und morgen als Julia auftreten werde. Da ergriff uns eine solche Lust, sie noch einmal zu sehen, daß wir uns kurzweg entschlossen, mitzufahren.

Freitag, 9. April 1824, schon wieder von Göttingen fort. Karl und ich, Herr v. Hünersdorf und der Student, ein gewisser Herr v. Porbeck. Es wurde wirklich "Romeo und Julia" gegeben, ganz wie in Berlin, nach der Schlegelschen Übersetzung, Goetheschen (?) Bearbeitung und mit Ouvertüre und Musik zu den Zwischenakten und zur Handlung von Schneider. Madame Stich spielte wieder unvergleichlich, besonders gelangen ihr heute die Balkonszenen, in denen ich sie auch in Berlin noch nicht so lieblich gesehen hatte. Sie wurde auch am Ende herausgerufen und dankte. Herr Stich als Mercutio war freilich kein Devrient, aber er spielte doch auch sehr gut, viel besser, ab ich erwartet hatte.

Das Kasseler Theater ist wunderhübsch, so elegant wie keines in Berlin, dafür aber nur klein. Viele Studenten waren da, auch mehrere Göttinger Professoren. Auch der Kurfürst war im Theater und fuhr nachher, von vier Gendarmen begleitet, fort. Abends patrouillieren immer eine Menge Wachen; sobald es dunkel wird, rufen die Posten einen jeden an; sie haben scharf geladen. Niemand wagt seine Meinung laut zu äußern aus Furcht vor der starken geheimen Polizei, in Kassel haben die Wände Ohren und den Reisenden wird der Aufenthalt auf alle Weise erschwert. Selbst Studenten von Göttingen werden am Tore nach einem Paß gefragt und können gleich wieder ungeschickt werden, wenn sie keinen haben. Doch wird das jetzt nicht mehr so streng genommen; wir hatten auch keinen Paß. Der wachthabende Offizier schrieb daher hinter unsere Namen, die er sich notierte, "ohne Paß". Man fühlt sich jetzt in Kassel ordentlich, gedrückt.