Der Aristoteles-Schüler und Philosoph Theophrast (371-287 v. Chr.) begegnete in seinem Leben einer Menge unangenehmer Menschen. Einige dieser offenbar zeitlosen Ängerlinge hat er in seinen "Charakterbildern" beschrieben.

Der Erfinder von Gerüchten

Das Erfinden von Gerüchten ist das Erdichten falscher Nachrichten und Ereignisse, mit denen der Erzähler das Vertrauen untergraben will, das seine Gegner genießen.

wenn der Erfinder von Gerüchten einen Freund trifft, geht er sogleich aus sich heraus und fragt ihn mit bedeutsamem Lächeln: "Woher kommst du?" – "Was gibt’s denn?" – "Wie steht’s? Weißt du etwas Neues über die bewußte Geschichte?" Und dann greift er die Angelegenheit nochmals auf und fragt: "Ist denn wieder etwas Neues durchgekommen? Doch wohl erfreuliche Nachrichten?" Und ohne den anderen antworten zu lassen, fährt er fort: "Was? Du hast noch nichts gehört? Ich glaube, dann kann ich dir reichlich Neuigkeiten auftischen!"

Da kennt er dann einen Soldaten oder einen Sklaven des Flötenspielers Asteios oder den Unternehmer Lykos, der eben aus dem Krieg heimgekehrt ist und von dem er die Neuigkeit gehört haben will. Er hat nämlich für seine Nachrichten immer solche Gewährsleute, die niemand beim Wort nehmen kann.

So berichtet er, sie hätten ihm erzählt, daß Polyperchon und der König eine Schlacht gewonnen hätten und daß Kassander gefangen sei. Und wenn jemand einwendet: "Glaubst du denn das?", so antwortet er, die Spatzen pfiffen es ja schon von den Dächern, die Nachricht sei überall verbreitet, alle berichteten übereinstimmend davon, denn sie erzählten genau dasselbe über die Schlacht; ja, ja, es habe ordentlich rote Suppe gegeben. Der beste Beweis sei für ihn das Aussehen der maßgebenden Leute: Sie seien nämlich alle wie umgewandelt.

Überdies, versichert er, habe er aus ganz sicherer Quelle, daß jemand bei ihnen im Rathause versteckt gehalten werde, der schon vor fünf Tagen aus Makedonien gekommen sei und alles genau wisse. Indem er sich über alle Einzelheiten ausläßt, spielt er höchst überzeugend den Mitleidigen und ruft: "Armer Kassander, dir geht es wirklich schlecht! Siehst du nun, wie wenig man sich auf sein Glück verlassen kann? Gewiß, er war ein großer Mann – aber jetzt?"