Sein universales Werk: so anregend wie je

Von Manfred Sack

Wird einer sechzig (oder siebzig oder achtzig) und ist nur berühmt genug, braucht er um die Feier nicht zu bangen: Die Bewunderer finden sich. Ist einer aber hundert und, wie meistens zu vermuten, tot, dann wird er manchmal als der Übersehene oder der Vergessene (neu) entdeckt. Oder aber er ist, wie das Walter Gropius schon zu Lebzeiten mißfallen hatte, zur "vielleicht bis zur Unkenntlichkeit etikettierten Figur" entstellt und von seinen Verehrern auf den Sockel gehoben worden, ein Denkmal – und nun, auf einmal, ändert sich das. Die ersten behalten den Hut auf, wenn sie daran vorübergehen. Die nächsten machen sich am Sockel zu schaffen oder schlagen dem Unantastbaren heimlich die Nase ab oder spucken vor ihm aus. Der Held? Welch ein Bösewicht! Walter Gropius? Seht euch doch um: Glaskisten, Betonklötze, diese in Zeilen erstarrten Siedlungen und all die verdrossenen grünen Witwen dann: War denn nicht er es, er vor allem, der das angerichtet hat? Oder?

Zwar ist das Unsinn, aber manchem gefällt er. Kürzlich machte der New Yorker Reporter-Elegant Tom Wolfe den "silbernen Prinzen" (wie ihn wunderbarerweise Paul Klee genannt hat) in einem von Unkenntnis getrübten, ziemlich törichten Pamphlet gerade deswegen madig. Acht Jahre vorher schon las man in einem ungleich wichtigeren Buch mit dem Titel "Architektur im Widerspruch" folgenden Dialog:

Philip Johnson zu seinem Interviewer: "... nun, Sie sind Europäer, und die Europäer mögen meine späteren Werke nicht, kein einziges, Ihr denkt immer noch in Gropius-Begriffen."

Glauben Sie nicht, daß Gropius einer der größten Architekten dieses Jahrhunderts war?

Philip Johnson: "Wer ist er denn überhaupt!" Walter Gropius (am 18. Mai 1883 in Berlin geboren, 1969 gestorben) war es da nicht anders ergangen als seinem Landsmann Ludwig Mies van der Rohe, Emigrant wie er: Kaum war er hingeschieden, fühlten sich die Adepten vom Druck ihrer übermächtigen Leitfigur erlöst und begannen, ihr allerlei am Zeuge zu flicken. Mittlerweile aber hat, wenn man Tom Wolfe folgt, der Unmut über die europäisierte amerikanische Architektur nun einen nationalistischen Zug bekommen und die Suche nach neuen Vorbildern auch einen komischen.