Von Rolf Hochhuth

Fünfzig Jahre fördern nicht nur den Prozeß des Vergessens – sie verharmlosen auch, sie bestärken jedermann in der Neigung zu falscher, weil so bequemer Versöhnlichkeit. Daher ich zuerst an eine Frau erinnern will, die in Dresden ihrer Bemerkung wegen denunziert worden war, Hitler werde seinen Krieg verlieren. Man brachte sie nach Berlin vor den Präsidenten des sogenannten Volksgerichtshofes, der übrigens ein dichtender Intellektueller war, vor Dr. Roland Freisler, der einen Roman über Ulrich von Hutten veröffentlicht hat. Freisler – was auf mittelhochdeutsch: "Der Schreckliche" hieß verurteilte in einem seiner Schnellverfahren die Frau wegen ihrer "defaitistischen" Vermutung zu einigen Jahren Zuchthaus.

Dann blätterte er noch ein wenig in ihrer Akte. "Geborene Kramer?", fiel ihm auf, "aus Osnabrück?"

Die Verurteilte bejahte.

Freisler: "Sind Sie etwa verwandt mit jenem Osnabrücker Kramer, der sich Remarque nennt und ‚Im Westen nichts Neues geschrieben* hat?" Die Frau antwortet: "Der ist mein Bruder." Daraufhin brachte Freisler sie nicht ins Zuchthaus, sondern unter die Guillotine. Heute spricht niemand mehr von dieser Enthaupteten.

Schwer zu entscheiden, ob die Opfer des Bücherhasses oder die des Rassenhasses genauer jene Machthaber im biergelben Hemd charakterisieren, die Deutschland unter ihre Stiefel und alsbald Europa unter ihre Panzerketten gebracht haben! Leider jedoch kommen wir hier nicht umhin, festzuhalten: Die Gestiefelten und die in den Panzern waren nur ausnahmsweise auch jene, die Bücher auf die Scheiterhaufen warfen: Akademiker haben das getan, Professoren haben die Reden dazu gehalten, Dichter die Feuersprüche dazu gereimt!

Es ist zu simpel, das Klischee vom ewig beredeten Zwiespalt zwischen Tätern und Denkern hier abermals abzuhandeln – anstatt sich einzugestehen, daß wir es heute hier nicht mit den Schlagern zu tun haben, die in den KZ Menschen totprügelten oder den Dichter Erich Mühsam aufhingen. Stellen wir uns doch der peinlichen Selbstbefragung, wie weit in jedem von uns, der schreibt oder komponiert oder malt oder philosophiert, auch einer steckt, der erstens den Konkurrenten, den ihm wesensgemäß verwandten übersehen oder gar tottreten will; und der zweitens Anbeter, Nutznießer, Mitläufer der Macht ist – statt mitzuhelfen, die Macht zu kontrollieren: was möglicherweise überhaupt die oberste Aufgabe des Geistes ist: Die Macht zu humanisieren im Sinne jener Maxime, die am gültigsten der Epiker formuliert hat, den Kurt Tucholsky den "bedeutendsten deutschen Essayisten neben Heinrich Mann" genannt hat und von dem Graf Harry Kessler in sein berühmtes Tagebuch schrieb, er habe das gültigste Buch über die deutsche Revolution 1918 verfaßt: Otto Flake. Flake, nicht nur wegen seiner zweimaligen "jüdischen Versippung", wie das im Rotwelsch der Berliner Regierungsgangster ab 1935 hieß, ein später unerwünschter Autor, hatte 1927 in Carl von Ossietzkys "Weltbühne" geschrieben: "Keine Partei darf siegen, sie müssen sich gegenseitig in Schach, halten. Der Geist hat die Aufgabe, die Macht zu zersetzen. Ich würde ihm die Parole geben: libera et divide."