Von Claudia Ehry

Alles okay", hatte man Anne E. in dem Frankfurter Krankenhaus gesagt, als sie drei Tage nach der Geburt mit ihrem Wunschkind Douglas entlassen wurde. Das Klinikpersonal bestärkte die 31 jährige Mutter in der Absicht, das Baby ausschließlich an ihrer Brust zu nähren. Man gab ihr einen Karton Traubenzuckerlösung "für den Durst zwischendurch" und den Rat mit auf den Heimweg, sich nicht von der Babywaage irremachen zu lassen. In sechs Wochen solle sie sich zur Vorsorgeuntersuchung melden.

Es kam nicht dazu. Am 5. Oktober 1981, auf den Tag vier Wochen nach der Entbindung, fand Anne E. ihren Sohn Douglas tot in seinem Bettchen liegen. Verhungert. Ihre Milchmenge, so wurde später eindeutig festgestellt, hatte nicht ausgereicht, den Säugling zu ernähren. Im Verlauf seines ersten Lebensmonats hatte Douglas fast ein Drittel seines Geburtsgewichts verloren, wog bei seinem Tod gerade noch 2 210 Gramm bei einer Körperlänge von 54 Zentimetern.

So unfaßbar es angesichts dieser Meßdaten klingt: Niemand wurde von dem Hungertod des Säuglings mehr überrascht als die entsetzten Eltern. Anne E. und ihr zwei Jahre älterer Mann Ernest, beide britische Staatsangehörige und seit vier Jahren im hessischen Kreis Groß-Gerau zu Hause, waren der festen Überzeugung, daß es ihrem Kind an nichts fehle. "Alles war wie bei Andrew", beteuerten die Eltern später vor Gericht. Andrew, den zwei Jahre älteren Erstgeborenen, hatte die Mutter zehn Monate lang voll gestillt, ehe sie mit der Zufütterung von Brei begann. Sollte sie also bei Douglas an ihrer Stillfähigkeit zweifeln? Hatte sie nicht bereits bewiesen, daß sie ein Kind mit ihrer Milch ernähren konnte, jene Art der Versorgung, die sie – vorbereitet durch mehrere Bücher über das Stillen und einen Lamaze-Kurs – für die optimale hielt? Douglas bekam die Brust, wann immer er sich meldete, spätestens alle vier Stunden. Gewogen wurde er nicht. Das Problem, daß die Mutter zu wenig Milch haben könnte, habe sich ihnen einfach nicht gestellt, versicherte der Computerfachmann Ernest E. Ein Einwand, den die Darmstädter Landgerichtskammer, vor der sich die beiden Eheleute kürzlich zu verantworten hatten, akzeptieren mußte.

Dagegen wollte den drei Berufs- und zwei Laienrichtern, die sich mit dem völlig "untypischen" Fall – ein Kind verhungert, obwohl es von seinen Eltern geliebt wird und in sozial gesicherten Verhältnissen lebt – zunächst recht schwer taten, überhaupt nicht in den Kopf, daß die Eltern die stetige Abmagerung des Säuglings nicht bemerkt haben sollten. "Das muß der Mutter doch beim Windelnwechseln auffallen, daß da überhaupt kein Po mehr ist", meinte auch der Staatsanwalt. Er hatte als einziger im Kreis der Prozeßbeteiligten das "völlig abgemagerte und ausgemergelte Kind" auf dem Obduktionstisch liegen sehen; dies ließ ihn – bei allem Mitleid mit den ohnehin gestraften Eltern – unerbittlich an den Vorwurf der fahrlässigen Tötung festhalten. Anne E. brach in Tränen aus: "Wenn ich das gemerkt hätte, dann hätte ich doch nicht dasitzen können und es sterben lassen, nachdem ich es neun Monate ausgetragen habe."

Sie hatte von Anfang an zu wenig Milch für das Neugeborene, das stand für den Frankfurter Gerichtsmediziner und den Leiter der Darmstädter Kinderklinik fest, die als Gutachter im Prozeß gehört wurden (das "Warum" konnte nicht geklärt werden). Macht ein gesundes Kind sich nicht bemerkbar, wenn es Hunger hat? Schreit es nicht permanent? Nein, Douglas habe nicht besonders viel geschrien, er sei ein lebhaftes Baby gewesen, interessiert an seiner Umwelt – so wie Andrew.

Klinikchef Professor Ulrich Wemmer brachte Licht in das Dunkel, in dem die stillunerfahrenen, mit einer Ausnahme männlichen Prozeßbeteiligten sich zu orientieren versuchten; er half auch, den moralischen Druck zu verringern, der auf den gramgebeugten Eltern lastete. Douglas habe sich wohl auf die von Anfang an geringe Nahrungszufuhr eingestellt, weniger verlangt, als er brauchte und sei schließlich wohl einfach zu’schwach gewesen, um überhaupt noch richtig zu trinken. Eltern aber seien von Natur aus als Kontrollorgan ungeeignet: "Sie sehen in ihr Kind hinein, was sie sehen wollen." So haben ihnen der schleichende Prozeß der Abmagerung durchaus entgangen sein können, zumal auch andere Kontrollmechanismen wie Trinkmenge (eine stillende Mutter weiß nie, wieviel ihr Kind getrunken hat, wenn sie es nicht wiegt) oder die Häufigkeit der Stuhlentleerung (zwischen fünfmal pro Tag und einmal in zehn Tagen ist alles möglich) bei der Muttermilchernährung wegfallen.