Von Michael Ostafel

Wir stehen an der Bar von Zanarini und sinnieren, weshalb Bologna in deutschen Reiseführern so karg abgehandelt wird. Die Waden spannen, die Füße schmerzen. Drei Tage sind wir jetzt auf Achse. Von morgens bis abends haben wir die Stadt durchstreift, haben da einen alten Palazzo entdeckt, dort eine verschlafene Piazza, sind über einen lärmenden Straßenmarkt geschlendert, haben uns von reichverzierten Kandelabern aufhalten und von abgewetzten Bodenmosaiken beeindrucken lassen.

Doch die meiste Zeit sind wir durch die Arkadengänge gelaufen. Neben den gepflasterten Straßen und den rotgetünchten Häusern prägen sie Bologna. Auf einer Länge von über 35 Kilometern durchziehen sie das gesamte Zentrum. Ihre Entstehung ist umstritten. Ein Grund soll schlicht die Lösung des Wohnungsproblems gewesen sein. Man baute im ersten Stock einfach an die Fassaden an und stützte das Ganze mit Balken und Pfeilern ab. So blieb der Straßenverkehr unbeeinträchtigt. Was den Fußgänger heute besonders freut: Die Gänge bieten einen idealen Schutz vor Sonne und Regen. Bei seinen Streifzügen sollte man auf keinen Fall die Arkaden der Casa Isolani (Strada Maggiore) auslassen, die ältesten Bolognas aus dem 12. Jahrhundert, und auch nicht die mit Fresken geschmückten Arkaden der Banca d’Italia in der Via Garibaldi.

Der erste Stadtrundgang beginnt jedoch auf der Piazza Maggiore. Hier schlägt das Herz der Stadt, hier steht auch Bolognas bedeutendstes Bauwerk, die Basilika San Petronio und gleich daneben der Palazzo dell’Archiginnasio, die ehemalige Universität mit dem Teatro Anatomico, dem holzgetäfelten Anatomiesaal aus dem 17. Jahrhundert. Der Palazzo della Mercanzia, einige Ecken weiter, ist eines der schönsten spätgotischen Gebäude Norditaliens.

Wir laufen die Via Ugo Bassi, die Via Rizzoli und die Via dell’Indipendenza rauf und runter, Bolognas Einkaufsstraßen, schauen uns die Läden an, "Bruno Magli", das eleganteste und edelste Schuhgeschäft in der Via Ugo Bassi, "Linda" in der Via dell’Indipendenza mit den ausgefallenen Kleidern und lustigen Taschen und Beuteln. Bologna ist ein ideales Einkaufspflaster für Schuhe: bunt und jugendlich bei "For you" (Via Clavature) oder bei "clams" in der Galleria Cavour, einer kühlen Marmor-Beton-Einkaufspassage.

Zwölf Uhr mittags. An den Geschäften rasseln, die eisernen Rollos herunter. Alles strömt in die Bars und Restaurants. Die Innenstadt ist mit einem Schlag wie ausgestorben – bis um halb vier, vier. Dann werden die Rollos hochgezogen, und vor den Schaufenstern bilden sich wieder Trauben von Neugierigen.

Torre degli Asinelli und Torre Garisenda, die beiden schiefen Türme, sind die Wahrzeichen von Bologna. Im Mittelalter soll es an die 500 dieser Geschlechtertürme gegeben haben, heute sind noch zwanzig erhalten. Wir steigen auf den knapp 100 Meter hohen Asinelli-Turm. Von hier oben aus kann man gut die Struktur der Stadt erkennen: die Straßen, die radiusartig vom Zentrum ausgehen, den letzten Ring der Stadtmauern, die Stadttore. Und man bekommt einen Eindruck von der Größe und Intaktheit der Altstadt - nach Venedig hat Bologna das besterhaltene historische Stadtzentrum Europas. Der Blick reicht bis zu den grünen Hügeln des Apennin, an dessen Ausläufern sich Bologna erstreckt.