Europa befindet sich in einem jämmerlichen Weder Klagen noch Sonntagsreden bringen Europa aus der Krise, sondern Taten und Entscheidungen Zustand. So etwa ließe sich die Rede zusammenfassen, die Gaston Thorn vor dem Übersee-Club in Hamburg hielt. Natürlich hat sich der Präsident der Europäischen Kommission etwas diplomatischer ausgedrückt. Doch für einen europäischen Spitzenbeamten waren seine Worte von bemerkenswerter Deutlichkeit. "Die EG präsentiert sich als Krisengemeinschaft von Staaten, die zwar aufeinander angewiesen, aber weder isoliert noch gemeinsam in der Lage sind, ihre Probleme zu lösen", klagte der Europäer aus Luxemburg.

An Beispielen und Belegen für eine solche Behauptung besteht wahrlich kein Mangel. Ob es sich um den Niedergang der Stahlindustrie oder die Krise der Werften handelt, die nun schon im elften Jahr ohne Unterbrechung steigende Arbeitslosigkeit in den Ländern der Gemeinschaft oder um den bedrohlich wachsenden Protektionismus innerhalb und außerhalb der EG – nirgendwo waren die Europäer in den vergangenen Jahren in der Lage, zukunftsweisende Lösungen zu präsentieren, geschweige denn, sie kraftvoll in die Tat umzusetzen. Statt dessen feiert der Provinzialismus in Brüssel Urständ.

Die sogenannten Staatsmänner verhalten sich am gemeinsamen Ratstisch nicht anders, als zu Hause in ihren jeweiligen Hauptstädten: Statt einmal einen Knoten mutig zu durchschlagen, gemeinsam zu neuen Ufern aufzubrechen, Zeichen zu setzen und Hoffnungen zu wecken, verheddern sie sich in kleinlichen Interessenkonflikten, schachern um nationale Vorteile, grapschen nach Subventionen.

Ebenso wie im eigenen Land ist dabei der Blick meist nach rückwärts statt nach vorn gerichtet. Es geht um die Erhaltung statt um die Schaffung von Arbeitsplätzen. Derweil droht Europa überall da den Anschluß zu verlieren, wo es um die Märkte von morgen geht.

Dabei hat der Erfolg des Airbus eindrucksvoll demonstriert, wozu die Europäer in der Lage sind, wenn sie miteinander statt neben- oder gar gegeneinander arbeiten. Doch bisher haben die europäischen Politiker, Manager und Gewerkschafter weder aus den negativen noch aus den positiven Erfahrungen etwas gelernt.

Wäre es anders, würden sie auch nicht versuchen, ihre Märkte mit allerlei Tricks und Kniffen gegeneinander abzuriegeln. Den großen Aufschwung hat Europa erlebt, als die Mitglieder der Gemeinschaft ihre Handelsschranken niederrissen und damit begannen, Arbeitskräfte, Know-how, Kapital und Produkte auszutauschen. Mehr Wohlstand, mehr Arbeitsplätze, mehr Freizeit waren das Ergebnis. Hätte man nicht logischerweise auf diesem Weg weitergehen sollen? Statt dessen wurde fast überall der Rückwärtsgang eingelegt, die Rezepte von gestern hervorgekramt, Renationalisierung betrieben.

Und wenn Gaston Thorn auch noch so schöne und mutige Reden hält – auch die Kommission in Brüssel ist nicht unschuldig an dieser Entwicklung. Die europäischen Institutionen sind geradezu zu Negativ-Symbolen für Bürokratie und eine Politik geworden, die sich im administrativen Kleinkram verliert. Die Exzesse der Agrarbürokraten haben nicht wenig dazu beigetragen, daß die Gemeinschaft heute von denen nur noch verachtet oder bestenfalls ignoriert wird, die einmal ihre glühendsten Anhänger waren – die jungen Europäer. Die Zeiten, in denen Schüler und Studenten aus Frankreich, Deutschland, den Niederlanden oder Italien gemeinsam Schlagbäume einrissen, sind lange vorbei. Das Europa der Berufspolitiker und Bürokraten ist nicht mehr das Traumland der Jugend.