Von Lutz Götze

Seit Jahren wird auf der Grundlage unterschiedlicher Modelle oder auch ohne jede Konzeption versucht, der wachsenden Zahl ausländischer Schüler Herr zu werden. Überfüllte Klassen mit hohem Ausländeranteil in den Ballungsgebieten, sogenannte Seiteneinsteiger ohne Sprachkenntnisse im Deutschen, kaum theoretische Grundlagen und allenfalls Ansätze einer Didaktik des Deutschen als zweite Sprache für ausländische Jugendliche prägen das Bild. Engagierte Lehrerinnen und Lehrer mühen sich, Ausländer zum Hauptschulabschluß zu führen, damit sie einen Beruf erlernen können, häufig vergeblich. Viele deutsche Eltern bringen ihre Kinder in weiter entfernte Schulen, weil sie befürchten, daß das Lernniveau in der Klasse wegen der ausländischen Kinder absinkt und damit die Chancen ihrer Kinder auf einen Studienplatz vermindert werden. Das Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bad Godesberg (Infas) hat 1981 ermittelt, daß die Zahl der Deutschen, die eine Rückkehr der Kinder von Gastarbeitern in die Herkunftsländer wünschen, in wenigen Monaten von 35 auf 50 Prozent stieg.

Ist es da überhaupt noch realistisch, auf gemeinsamen Kindergarten- und Schulbesuch, auf gemeinsames Leben und Lernen von Deutschen und Ausländern zu setzen, um Berührungsängste, Unwissen voneinander und daraus resultierende Vorurteile und Feindbilder abzubauen und zu überwinden? Haben nicht die Theoretiker und Politiker recht, die nationale Schulen in der Bundesrepublik ab Stätte der Identitätsfindung der ausländischen Schüler und damit Trennung von deutschen Kindern und Jugendlichen als richtig anzusehen? In integrierten Regelklassen, so argumentieren sie, lernten die türkischen, griechischen und jugoslawischen Schüler weder Deutsch noch ihre Muttersprache, sie seien in zweifacher Hinsicht halbe Analphabeten: heimat- und sprachlos in Richtung Türkei, Griechenland und Jugoslawien, fremd und sprachlos in der Bundesrepublik Deutschland.

Seit einigen Jahren ist in der Bundesrepublik ein Anwachsen nationaler Schulen zu beobachten, in denen Lehrer des Heimatlandes Sprachunterricht und Fachunterricht in der Muttersprache nach nationalen Lehrplänen erteilen. Deutschunterricht wird von zumeist dafür nicht qualifizierten ausländischen Lehrern erteilt, häufig fällt er aus. Besonders angewachsen ist die Zahl der griechischen nationalen Schulen; 1982 besuchten über 37 000 Kinder und Jugendliche griechische Schulen.

Nationale Schulen, so läßt sich ohne Einschränkung sagen, trennen dort unterrichtete Jugendliche von ihren deutschen und anderen ausländischen Altersgenossen, bereiten sie in keiner Weise auf ein Leben in der Bundesrepublik vor, verhindern Integration, unterstützen das Prinzip der Rotation und fördern – da sich Deutsche und Ausländer aus dem Wege gehen – das Entstehen von Vorurteilen und Ausländerfeindschaft. Ein Nebeneinander oder Miteinander von Deutschen und Ausländem statt eines Gegeneinander bringen sie nicht zustande.

In einigen Bundesländern, vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, aber bis 1982 auch in Nordrhein-Westfalen, wurde und wird die Bildung nationaler bilingualer Klassen in deutschen Schulen praktiziert, die zum Teil – wie beim sogenannten bayerischen Modell – die ganze Schulpflicht hindurch bestehen bleiben. In den bayerischen zweisprachigen Klassen sieht das so aus, daß der Muttersprache die Stellung der Erstsprache, dem Deutschen die Stellung der Zweitsprache eingeräumt wird. Das heißt, ein Wechsel in der Unterrichtssprache soll erst in dem Alter erfolgen, in dem die Muttersprache entwickelt ist. Von da an soll der Anteil der Muttersprache abnehmen, jener der deutschen Sprache zunehmen. Allerdings kann die Muttersprache auch während der gesamten Schulzeit die deutsche Sprache verdrängen. Die Befürworter weisen auf die Förderung der Muttersprache und die Aufrechterhaltung der Bindung an die heimatliche Kultur hin (Sitten, religiöse Bräuche). Dadurch werde die Identitätsfindung erleichtert und Entfremdung gegenüber Familie und Heimatland verhindert.

Ich kritisiere am bilingualen Ansatz, daß er die Fremdheit der Ausländer in der Bundesrepublik und die Ghettosituation eher verschärft. Dem ausländischen Kind wird oft wegen mangelhafter Sprachkenntnisse der Berufsweg in der Bundesrepublik verbaut; sein Weg ins soziale Abseits, in Hilfsarbeiterstatus oder gar Asozialität ist möglicherweise vorgezeichnet. Im Prinzip ist die Rückkehr ins Herkunftsland und nicht der Verbleib in Deutschland die Konsequenz, wobei die Rückkehr sich häufig genug als "Heimkehr" in die Fremde herausstellt: doppelte Chancenlosigkeit also.