Von Ernst Hess

Wenn nicht alles täuscht, dann hat der Zeitgeist auch die Parkmauern hinter Schloß Esterhazy überklettert. Wie anders soll man sich die Graffiti am Leopoldinentempel erklären, die Politparolen, Liebesschwüre und Signaturen der Eisenstädter Jugend? "Täglich fit mit zwei Gramm Shit", verrät Andy, ohne Respekt vor den Mauern des fürstlichen Pavillons, seine Diät. Und Gabi (16) gesteht treuherzig: "Die Buben sind für mich Luft, aber ich brauche Luft zum Leben."

So tief ist die Provinz also doch nicht, in der Österreichs Witz die burgenländische Metropole und ihre knapp 11 000 Einwohner vorzugsweise wähnt. Schließlich unterhält das ORF ein Fernsehstudio in Eisenstadt, es gibt zwei Kinos, 18 Kaffeehäuser und einen Fußballklub, der mit respektablem Erfolg in der Staatsliga kickt. "Nein, eine lokale Zeitung haben wir nicht", muß Bürgermeister Kurt Korbatits zwar schweren Herzens einräumen, "aber Sie können beim Trafikanten natürlich die Times oder Le Monde kaufen." Daß Franz Werfel die ehemals ungarische Freistadt "ein verlorenes Drecknest" nannte, von Wien "nur eine kleine Autostunde, aber weltenweit entfernt", ficht den beliebten ÖVP-Politiker kaum an. "Wissen Sie, das ist schon lange her. Und wer Augen im Kopf hat, der sieht, daß wir das Beste aus unserer Situation gemacht haben."

Die "Situation", das ist in erster Linie eine Frage der Identität, der Auseinandersetzung mit einer wechselvollen Geschichte im west-östlichen Grenzland. Denn Hauptstadt des Burgenlandes wurde Eisenstadt erst 1925 – mehr oder weniger notgedrungen. Im Friedensvertrag von St. Germain hatten es die Alliierten für richtig befunden, Österreich "jene Gebiete Westungarns einzuverleiben, deren wirtschaftliche Produkte einen wichtigen Bestandteil für die Ernährung Wiens bilden". Damit gehörte das Burgenland allerdings noch lange nicht zur rot-weiß-roten Republik, denn die Ungarn ließen sich mit der Räumung verständlicherweise Zeit. Für die alte Hauptstadt Ödenburg und deren Umgebung konnten sie sogar eine Volksabstimmung über die künftige nationale Zugehörigkeit durchsetzen. Weil ungarische Beamte die Wählerlisten aufstellten, feierten am 14. Dezember 1921 ungezählte Tote für wenige Stunden fröhliche Urständ. Und ohne internationale Kontrolle kam es, wie es kommen mußte: Ödenburg nannte sich fortan Sopron, und das (Rest-)Burgenland hatte keine Hauptstadt mehr.

So schlug Eisenstadts Stunde nicht gerade unter erfreulichen Umständen. Andererseits bot sich der verschlafenen Esterházy-Residenz die Chance, an ihre glanzvolle Vergangenheit anzuknüpfen. Denn es gab Zeiten, da blickte zumindest das kulturelle Europa mit Bewunderung an den Rand der Pußta. Seit 1761 stand ein gewisser Joseph Haydn als Kapellmeister im Fürstlich-Esterhazyschen Dienst, gut besoldet und von geradezu beängstigender Produktivität. Seine Symphonien und Quartette erklangen zuerst in dem von Carlone erbauten prächtigen Barockschloß, zum Ergötzen des Fürsten Nikolaus, einem unermeßlich reichen ungarischen Magnaten. Genau 99 Schlösser und Burgen besaßen die Esterházy beiderseits der alten Grenze, daneben 386 000 Hektar Land und an die 750 Dörfer und Städte. Verständlich, daß Fürst Paul in unseren Tagen dem vergleichsweise kümmerlichen Rest wenig Freude abgewinnen kann. Nur noch Schloß Eisenstadt und Burg Forchtenstein nennt der 81jährige sein eigen, daneben Weinberge, Wiesen und Wälder, die er von treuen Untertanen verwalten läßt. Die fürstliche Familie selbst lebt in Zürich, hat zwar noch immer eine komfortable Wohnung im Schloß, aber nur selten Lust zum Besuch. Mag sein, daß den Chef des Hauses die nahe ungarische Grenze irritiert, über die Fürst Paul nach siebenjähriger Haft erst 1956 fliehen konnte.

In der verwitterten Orangerie stellen heute Eisenstadts Kleintierzüchter ihre Karnickel und Tauben aus, Unkraut wuchert auf einstmals feingeharkten Wegen. Die Front des mächtigen Schlosses wurde zwar erst vor kurzem in Schönbrunner Gelb gestrichen, doch hinter der Fassade spürt man die Abwesenheit des Hausherrn. Der hat den größten Teil der Räume ohnehin an die Landesregierung vermietet, und die sozialistischen Politiker haben weder Geld noch Veranlassung, den fremden Besitz zu pflegen.

Neben den Dimensionen der Esterházy-Residenz nimmt sich in Eisenstadt manches noch kleiner aus, als es ohnehin schon ist. Selten haben die Häuser mehr als zwei Geschosse, in den schmalen Gassen staut sich hoffnungslos der Verkehr, und dem "Dom" sieht man an, daß er bis 1960 eine schlichte Stadtpfarrkirche war. Erst seit 22 Jahren haben die Eisenstädter nämlich einen eigenen Bischof.