Sie war elitär und kultiviert, doch nie exklusiv: die Berliner Mittwochs-Gesellschaft, die an die

Von Theodor Eschenburg

Im Januar 1863 wurde in Berlin die "Freie Gesellschaft für wissenschaftliche Unterhaltung" gegründet. Treffend war der Zweck angegeben: weder eine private Akademie noch ein akademischer Stammtisch. Nach dem Statut sollte es für die freie wissenschaftliche Unterhaltung keine Einschränkung geben dürfen, nur die Tagespolitik war unerwünscht.

Die meisten Gründer waren hervorragende Gelehrte. Ihre Namen sind noch nach 120 Jahren in heutigen Konversationslexika zu finden. Sie kamen von der Berliner Universität, die als die erste in Deutschland galt. Das sparsame Preußen ließ sich seine Hauptstadtuniversität etwas kosten, zumal die süddeutschen Länder und Sachsen ehrgeizige und großzügige Konkurrenten waren. Vertreten waren nahezu alle bedeutenden Disziplinen, in der Regel von jeder nur einer, aber dieser "auf seinem Gebiet eine Autorität". Doch es war keine exklusive Gelehrtengesellschaft. Ihr gehörten der eine oder andere aus der Regierung, aus der Verwaltung, dem Heer und der Wirtschaft an. Unter den Gründern befand sich Johannes Heinrich Wichern, damals der führende Mann der evangelischsozialen Bewegung.

Die Zahl der Mitglieder bei der Gründung, die alle ihren Wohnsitz in Berlin hatten und später haben mußten, war sechzehn und wurde nicht überschritten. Nachwahlen erfolgten einstimmig. Das hohe Niveau wurde bis zu Ende bewahrt. Jedes Mitglied hatte die Pflicht, einmal im Jahr einen Vortrag aus seinem Fachgebiet zu halten. Die Sitzung fand jeweils an einem Mittwoch – daher die Bezeichnung "Mittwochs-Gesellschaft" –, und zwar im Frühjahr und Winter alle 14 Tage, jeweils im Hause des Vortragenden bei einem einfachen Abendessen statt. Der hatte die Grundgedanken seines Referats handschriftlich in ein Protokollbuch einzutragen. Die auf das Referat folgende Unterhaltung, die gelegentlich auch auf andere Themen übergriff, wurde nicht erwähnt. Die Protokollbücher, im ganzen neunzehn, wurden der Bibliothek der Preußischen Akademie übergeben.

Die Gesellschaft hat sich nie öffentlich exponiert. Aber sie verheimlichte ihre Existenz auch nicht. Bei den wenigen, die von ihr wußten, genoß sie "einen legendären Ruf". Schon die Aufnahme galt ab hohe Auszeichnung. "Das Ganze war ein Ausdruck der hohen geistigen Kultur der Zeit." Zusammenkünfte und Gremien ähnlicher Art gab es in einer Reihe von Universitäten, aber keine von dem illustren Ansehen und der langen Dauer der Berliner Mittwochs-Gesellschaft. Sie wäre auch nach ihrem Ende wohl für die Öffentlichkeit unbekannt geblieben, wenn nicht der Kirchenhistoriker Klaus Scholder auf deren Protokolle bei Quellenstudien zum zweiten Band seiner "Geschichte der Kirche im Dritten Reich" gestoßen wäre und deren Wert erkannt hätte:

Klaus Scholder (Hrsg.): "Die Mittwochs-Gesellschaft. Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932-1944"; Verlag Severin und Siedler, Berlin 1982; 383 S., 200 Abb., DM 48,–