Hamburg

Es ist nun genau ein Jahr her. Die alte Frau, rund und rosig, ist auf ihrem Weg nach Hause, hat ihr Ziel fast erreicht. Es ist spät geworden, schon nach Mitternacht: erst der Seniorenausflug, dann die FDP-Versammlung – ein erfüllter Tag.

Heute ist es in ihrer Erinnerung ein katastrophaler Tag.

Die kleine 73jährige Person merkt nicht, daß ihr ein etwa 25 Jahre alter Mann mit leisen, eiligen Schritten folgt. Da ergreift er sie schon, hält ihr die Augen zu und ein Messer an die Kehle. Sie schreit, schreit "so tüchtig, wie ich nur schreien konnte". Er schneidet ihr ins Gesicht, auf den Kopf, er wirft sie zu Boden, kniet auf ihr und zerrt an ihren Kleidern, sie wimmert.

Hörtsie denn keiner? Sieht niemand das Schreckliche? Die Fenster des 12stöckigen Hochhauses, vor dem es geschieht, bleiben dunkel.

Und doch wird gesehen, was das Opfer erleidet, gehört, was der Täter ihm androht. Ein Ehepaar, durch den Schrei aufgewacht, steht am Küchenfenster seiner Parterre-Wohnung. Das Fenster ist geöffnet, es sieht zu, hört mit aus nur wenigen Metern Entfernung: "Ein Mann hat auf der Frau gekniet – da war ein blanker Gegenstand –, wenn du nicht still bist, schneide ich dir die Kehle durch’."

Verwechseln die beiden die nächtliche Wirklichkeit schlaftrunken mit einem späten Krimi, den sie vorzugsweise vom sicheren Logenplatz am Küchenfenster verfolgen? Die Antwort ist einfacher.