Wahrlich ich sage euch: Wer diesen Film blasphemisch findet, lästert Gott.

Herbert Achternbusch über seinen Film "Das Gespenst"

Das Gespenst der Freiheit

War er doch ein Narr! Er könnte weiterhin fast alles sagen, und der König würde lachen. Aber was, wenn es dem Narren plötzlich ernst wird? Seit Herbert Achternbusch keine Komödien mehr erfindet, sondern bittere Farcen wie die Filme "Der Depp" und "Das Gespenst", ist es mit seiner Narrenfreiheit aus. Das konnte ein Grund zum Jubeln sein: Endlich wird Achternbusch ernst genommen. In Wahrheit aber soll ihm (und seinen Kollegen) eine Lektion erteilt werden. Denn wehe dem Narren, über den der König nicht lachen kann (und Bundesinnenminister Zimmermann hat nun sogar erklärt, daß er sich von Achternbuschs Narreteien im "Gespenst" verletzt fühle). Mitte letzter Woche brach Zimmermann mit seinen Gewohnheiten, ging ins Kino (und wollte ein Passionsspiel besichtigen). Aber in Achternbuschs Film sah er nur, daß Jesu Kreuz heute die Christen sind und der Gottessohn in der neuheidnischen Angestelltengesellschaft ein erbarmenswertes Gespenst. Zimmermann, ein christlicher Politiker und von der CSU, fühlte sich daraufhin in seinen religiösen Gefühlen verletzt: Für etwaige Maßnahmen bat er sich nach der Vorstellung noch Bedenkzeit aus. Muß nun Achternbusch dem Bundesinnenministerium 300 000 Mark zurückzahlen, die er mit dem Bundesfilmpreis für "Das letzte Loch" erhielt, um "Das Gespenst" zu drehen? Selbst wenn Zimmermann aus Einsicht (was unwahrscheinlich ist) oder Nachsicht (was Christenpflicht wäre) den Fall auf sich beruhen lassen sollte : es dürfte Achternbusch schwer werden, wieder Fördergelder für seine nächsten Filme zu bekommen. Nicht nur für Jesus selber, auch für sein Gespenst sind die Christen heute ein Kreuz.

Galerientod in Hamburg

In Berlin laden 20 Galerien vom 12. bis 15. Mai zur Gemeinschaftsaktion "Kunst konzentriert" ein, zu der auch ein gemeinsam erarbeiteter Sonderkatalog erscheint; in Köln feiern, zu derselben Zeit, 24 Galerien gemeinsam ihre "Premiere", ebenfalls begleitet von einem Gemeinschaftskatalog; und in München läuft in diesen Tagen das alljährliche Programm der Galerien der Maximilianstraße (und Umgebung), die sich dieses Jahr unter dem Motto "Schwarz-Weiß" zusammengefunden haben, Dazu die Kontrastmeldung aus Hamburg: mit der soeben eröffneten großen Ausstellung "Domenico Gnoli" beendet die Galerie Levy ihre dreizehnjährige Ausstellungstätigkeit in Hamburg. Nachdem der Galerist Hans Neuendorf fast nur noch als Kunsthändler tätig ist, die Galerien de Gestio und von Wentzel nach Köln abwanderten, die Galerie Elke Droescher sich eine gewisse Ausstellungszurückhaltung auferlegt (und diesen Negativmeldungen nur die Gründung der munterwilden Galerie Crone gegenübersteht), hat die Nachricht von der Schließung der Galerie Levy selbst die neue Kultursenatorin Schuchardt zu einem Beileidsbrief an Thomas Levy veranlaßt. Dabei wird es freilich auch bleiben, denn Helga Schuchardt, die erst kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau sagte "Kultur ist viel mehr als Kunst" (womit sie freilich nicht nur die Bildende Kunst meinte), weiß sehr gut, daß man mit der Installierung des Millionenprojekts des "Museums der Arbeit" in Hamburg mehr politischen Lorbeer holen kann als mit der Zuwendung für zeitgenössische Kunst.

Hanseat Brahms

Er hatte Sehnsucht, wenn er an Hamburg dachte. Vieles zog ihn dorthin, manches hielt ihn ab: Er wurde innerhalb weniger Jahre zweimal von seiner Vaterstadt übergangen, als die vakante Dirigentenstelle der Philharmonie neu zu besetzen war. Aber nun begeht man seinen 150. Geburtstag mit über zwanzig Konzerten, gedenkt seiner in Ausstellungen und Vorträgen. Johannes Brahms beherrscht in diesen Tagen die ansonsten immer sparsamer werdende Musikszene Hamburgs – die Hansestadt braucht Brahms. In der Geburtsnacht am 7. Mai feierten im Hamburger "Michel", Brahms’ Taufkirche, sechs Hamburger Chöre ihren Brahms, auf den sie so Stolz sind. Und da zeigte sich so etwas wie ein neuer Kulturhunger: Über vier Stunden hielten es weit über tausend Hanseaten, vor allem auch jüngere, in der überfüllten Hauptkirche aus. Neben der Aufführung der geistlichen a-capella-Werke und Orgelkompositionen auch einiges aus dem Briefwechsel mit Clara Schumann – das ergibt zwar kein umfassendes Brahms-Bild, wohl aber ein aufgelockertes, und nie langatmiges Sängerfest. Die Böller und Leuchtkugeln am Hamburger Schmuddelwetter-Himmel allerdings galten an diesem Abend weniger Johannes Brahms: Die wohl fast tausendfache Menge feierte zur gleichen Zeit den 794. Geburtstag ihres Hafens.