Tempora Mutantur

Ganz ungestört konnte 1970 der SPD-Finanzminister Alex Möller seine Politik im Bundestag nicht vorstellen. Der Abgeordnete Gerhard Stoltenberg rief etwas rüpelhaft dazwischen: „Dieser angeschlagene Preisboxer da oben soll lieber seinen Etat begründen.“ Nun, 13 Jahre später und selbst zum Finanzminister avanciert, gratuliert Stoltenberg seinem Vorgänger zum 80. Geburtstag: „Mut und ein klares, abgewogenes Urteil haben Sie nicht nur von anderen gefordert, sondern selbst vorgelebt. Gerne denke ich an viele Begegnungen und Diskussonen im Deutschen Bundestag zurück.“

Die Suche geht weiter

Eine. Mitteilung des englischen Außenministeriums Ende letzter Woche veranlaßte die „Hitler-Tagebuch“-geschädigte Sunday Times zu der Vermutung, daß die 41 Fässer des hochgiftigen Dioxinmülls aus Seveso sich möglicherweise auf englischem Boden befinden. Die Annahme gründet sich auf eine informelle Anfrage der italienischen Botschaft in London, ob es in Großbritannien möglich sei, das gefährliche Gift zu vernichten. Dabei stellte sich heraus, daß Dioxin nicht eindeutig zu den Gütern gehört, die britische Importeure nicht einführen dürfen. Grund genug für die Engländer, sich an der Angst des Kontinents zu beteiligen? Ein Sprecher der italienischen Botschaft hat bereits versichert, die Anfrage sei rein technischer Natur gewesen und habe gar nichts mit den noch immer überall gesuchten 41 Fässern zu tun.

Aus der Rumpelkammer

Gespenstisches und Absonderliches aus der neueren deutschen Geschichte muß keine Fälschung sein, nur weil es am Zeitungskiosk auftaucht. Zeitgeschichte heißen die acht Seiten im normalen Zeitungsformat, die eine „N.I.P.-Agentur“ aus München vornehmlich an Bahnhöfen verkaufen läßt. Für drei Mark bekommt der Leser unter der Überschrift „Ministersessel oder Revolution“ über den ganzen Umfang des Blattes ein Dokument aus der Rumpelkammer zu lesen: Otto Strassers Broschüre aus dem Jahr 1930, in der der Führer des linken Flügels der NSDAP seinen Bruch mit Hitler und der „verbürgerlichten“ und „verbonzten“ Partei beschreibt. Die Handreichung zum Verständnis des Ganzen stammt aus der Feder von Karl Jochheim-Arnim („ehemaliger Landesführer für Südbaden der Schwarzen Front“), der seinem Groll gegen „Hitleristen“ und „Demokraten“ Luft macht; „verantwortlich für den Inhalt“ zeichnet ein „Jörg Rathgeb“. Die altgewordenen linken Leute von ganz rechts verstecken sich also hinter dem Namen eines 1526 als Anhänger der aufständischen Bauern hingerichteten süddeutschen Malers.

Diplomatische Bemühungen

Als begeisterter Fußballfan ließ sich Henry Kissinger als Außenminister regelmäßig die Ergebnisse der Bundesliga von der Deutschen Botschaft mitteilen. Auch heute erweist er sich als Förderer und Fan des in Amerika immer noch nicht aus den Kinderschuhen herausgewachsenen soccer. Zusammen mit seinem Amtsnachfolger Cyrus Vance möchte er die USA zum Gastgeberland der Fußballweltmeisterschaft 1986 machen. Seine diplomatischen Bemühungen werden wahrscheinlich nicht von Erfolg gekrönt sein. In der internationalen Fußballvereinigung FIFA favorisiert man Mexiko, nachdem das zuerst vorgesehene Austragungsland Kolumbien abgewunken hat. Dennoch hoffen die verhandlungserfahrenen Amerikaner, ihrem Anliegen bei der nächsten FIFA-Sitzung in Stockholm zumindest Gehör zu verschaffen.