Von Gabriele Venzky

Pradeep Dana Lewande sagt von sich: "Ich bin ein gemachter Mann. Ich habe eine Frau, ein Haus und einen Motorroller. Was will ich mehr?" Er sitzt zufrieden unter dem geflochtenen Palmdach vor seiner Kneipe, zählt die nicht gerade spärliche Kundschaft, die zum "Fenny", dem populären Schnaps, gekommen ist, und begrüßt zuvorkommend einen der ausländischen Gäste, an die er in der Saison Zimmer vermietet. Dann dreht er die Kassette – "importiert", wie er nicht ohne Stolz vermerkt – in seinem japanischen Recorder um, kassiert und ordnet das Sortiment im Schaukasten unter der Theke: Zigaretten, Zahnpasta, Batterien und Erdnüsse.

Vor fünf Jahren war Pradeep noch alles andere als ein gemachter Mann. Als dem jüngsten von vier Sonnen hatte ihm sein Vater, der kleine Kramladenbesitzer am Anfang der Dorfstraße, wenig mehr mit auf den Lebensweg geben können als praktischen Verstand und eine halbwegs ausreichende Schulbildung. Pradeep schlug sich mit Gelegenheitsiobs durch. Meist war er arbeitslos.

"Als ich 28 Jahre alt war, sagte ich mir, so kann das nicht mehr weitergehen. Und ich überlegte, wie ich in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld machen könnte." Das Zauberwort hieß Bahrain. Pradeep zog in den reichen Ölstaat am Golf und wurde Barkeeper. "Wie man Getränke mixt, hat mir ein Freuna aus dem Taj-Hotel in Bombay gezeigt, und dann habe ich ein paar Bücher gelesen." Umgerechnet 400 Mark im Monat verdiente er in Bahrain, steuerfrei versteht sich, wie überall am Golf. Hinzu kamen noch anständige Trinkgelder.

Pradeep hauste nun – wie die meisten der fast zwei Millionen Gastarbeiter aus Indien in den arabischen Ölstaaten – im Getto der Fremdarbeiter. In einem heruntergekommenen Haus teilte er mit acht anderen Indem ein 25 Quadratmeter großes Zimmer, ernährte sich von einer Dose Fertiggericht pro Tag und legte fast jeden verdienten Dinar auf die hohe Kante. Nach drei Jahren kehrte er nach Indien zurück, borgte sich etwas Geld hinzu und kaufte sich für 50 000 Mark ein zwar renovierungsbedürftiges, aber doch stattliches Haus, heiratete und eröffnete Bobb’s Inn. Er ist stolz auf seinen Erfolg.

Nicht ganz so zufrieden wie Pradeep ist allerdings Josef Fernandes, ein anderer Golf-Heimkehrer, der auf dem Flughafen in Bombay neben seinem überdimensionierten schwarz-rot karierten Koffer, Pappkartons und einer riesigen Schaumstoff-Matratze hockt. Im Gepäck führt er eine Aussteuer für zu Hause mit – Luxusträume eines jeden Inders: eine Standuhr mit Big-Ben-Schlag, ein Stereoradio mit Kassettenrekorder, einen Mixer, damit die Frau nicht mehr stundenlang die Currygewürze mit dem Steinstößel kleinmahlen muß, einen zweiflammigen Gaskocher aus Nirostastahl, das Kunststoffnachthemd für die Gattin, eine japanische Schreibmaschine für die Töchter, ein Fernglas und natürlich den unvermeidlichen Photoapparat. Alles Dinge, die in Indien nicht oder nur zu unverhältnismäßig hohen Preisen zu haben sind.

Noch vor zehn Jahren konnte sich die Familie Fernandes solchen Luxus nicht gönnen. Denn Josef Fernandes war Fischer und verdiente nicht mehr als 200 Rupien – rund fünfzig Mark – im Monat. Während des Monsunregens, vier Monate lang, fielen die Einkünfte sogar ganz aus, denn die Wellen waren zu hoch für seinen kleinen Einbaum. Mit seinen Eltern, der Frau, den beiden Brüdern und deren Frauen und Kindern bewohnte Josef damals eine kleine Hütte mit zwei Zimmern.