Von Theo Sommer

Redaktionen sind Wesen von hoher kollektiver Erregbarkeit; da muß man nicht jede Gemütsaufwallung gleich für ein Erdbeben halten. Die gegenwärtige Krise des stern aber hat etwas davon. Die Redaktion kämpft um ihren Standort, ihre Identität, ihre Ehre. Vom Ausgang des Streits hängt ab, was weit über den stern hinaus die Öffentlichkeit aufregen muß: die Antwort auf die Frage, ob hinfort im deutschen Journalismus die Moral der Manager herrschen soll oder das Ethos der Journalisten.

Gewiß, der stern hat selber das journalistische Ethos zuweilen kräftig strapaziert (wie freilich auch viele von denen, die jetzt voller Konkurrenz-Häme mit Fingern auf ihn zeigen). Er war nie zimperlich. Manch einer hat Anlaß, ihm zu grollen, Doch das, was jetzt über die stern-Mannschaft hereingebrochen ist, hat sie nicht verdient. Erst hat die verblendete Großmannssucht ihrer Verlagsoberen und der Chefredaktion sie in den größten Presseskandal unseres Jahrhunderts gestürzt – den Skandal um die Hitler-Tagebücher, den Gerd Bucerius, ZEIT-Eigentümer und G+J-Aufsichtsratsmitglied, eine Mischung aus Köpenickiade und Halsbandaffäre nennt. Dann hat die Verlagsspitze, ihre eigene Mitverantwortung klüglich-kläglich mißachtend, eine Lösung verhängt, die der Redaktion die ganze Last der Krisenbewältigung aufbürdete. Was die Seriosität des Blattes wiederherstellen sollte, rührte an seine Liberalität.

Einiges an dieser Krisenlösung ist schlechthin unbegreiflich.

Zunächst einmal: Zwei Chefredakteure wurden in die Wüste geschickt, aber der Herausgeber und vor allem die verantwortlichen Vorstandsmitglieder, die der "Hitler-Besoffenheit" (so ein stem-Redakteur) nicht minder verfallen waren – und schließlich doch das Millionending finanziert hatten – blieben auf ihren Stühlen. Das Haus Gruner + Jahr, das die Hitler-Recherchen zunächst sogar an der Chefredaktion vorbei eingefädelt hatte, entdeckte nach dem Reinfall plötzlich das Prinzip der Gewaltenteilung zwischen Verlag und Redaktion wieder und redete sich nun auf abgestufte Verantwortung und Schuld hinaus. Das Management duckte sich, in der Annahme, der Wind werde über seinen Kopf hinwegfegen.

Dann: Die Krise wurde zum einen Teil, wo es um die Ablösung der Chefredakteure ging, mit demselben Mittel beigelegt, dessen gedankenloser und skrupelloser Einsatz sie verursacht hatte – mit Geld. Per Scheckbuch trieb der Vorstand erst Sensationsjournalismus, dann Personalpolitik – als ob alles zu kaufen wäre, Erfolg, Ruhe im Bau, ein reines Gewissen. Wie es heißt, haben die beiden geschaßten Chefredakteure je drei Millionen Mark Abfindung erhalten, zusammen sechs Millionen. Im Vergleich dazu kommen einem die neun Millionen für die falschen Hitler-Tagebücher beinahe wie Trinkgeld vor.

Schließlich: Zum anderen Teil, wo es um die Bestallung der neuen Chefredakteure ging, waltete bei der Krisenlösung wiederum fatale Kontinuität – diesmal die Kontinuität der Rücksichtslosigkeit gegenüber der Redaktion. Die beiden Nachfolger Johannes Gross und Peter Scholl-Latour sind hochachtbare Journalisten. Aber die Art, wie sie – wiederum an der Redaktion vorbei – dem stern oktroyiert wurden, war schlichtweg unwürdig, eine Beleidigung für jedes selbstbewußte Team; ihr Start konnte unter solchen Umständen nur mißlingen. Vor allen Dingen jedoch: Die beiden tragen trotz ihrer unbestrittenen Hochachtbarkeit eine ideologische Prägung, die dem Kern dessen zuwiderläuft, was der stern seit drei Jahrzehnten vertritt, nicht bloß in seiner zuweilen blindlings zuschlagenden Angriffigkeit, sondern gerade in seinem seriösen Bemühen. In ihnen konnte sich die Redaktion nicht wiedererkennen. Kein Wunder, daß sie auf die Barrikaden ging; ein Wunder höchstens, daß das Entscheidungsgremium glaubte, sie werde sich, dumpfem Knechtsgesinde gleich, den Oktroi gefallen lassen.