Von Michael Marx

Alphonse kommt wie immer überpünktlich. Es ist noch nicht elf Uhr, als er energisch an die Haustür klopft. Sein von sechzig Jahren Sonne und Wind gegerbtes Weinbauerngesicht verrät die Mißbilligung, die unser Verweilen am üppig gedeckten Frühstückstisch um diese Stunde bei ihm erregt Schuldbewußt räumen wir zusammen, folgen zum Auto. Er hat alles vorbereitet, der Kofferraum des kleinen Citroëns quillt über von Töten mit Fleisch, einem Netz voll Weinbergschnecken, Körben mit Flaschen und Brot, den Grillrosten, einem Bündel alten Rebholzes. Wir verlassen Terrats, unser Dörfchen südwestlich Perpignans, zwischen Pyrenäen und Mittelmeer.

Die Straße schlängelt sich durch Weinfelder zu Füßen sanfter Hügel, an deren Flanken zwischen Macchia und dunklen Korkeichen hier und da die rote Erde durchschimmert. Nach zwanzig Minuten schaukelnder Fahrt erreichen wir Montauriol; die an den Hügeln verstreuten Häuser des Fleckens grüßen mit leuchtenden Ziegeldächern. Wir biegen in einen sandigen Fahrweg, rumpeln durch Schlaglöcher; nach einem endlosen Kilometer zeigen die abgestellten Autos, daß wir am Ziel sind. Im Tal zwischen immergrünen Hügeln, am Rand eines halbvertrockneten Bachs, neben einem Weinfeld, duckt sich im Schatten mächtiger Platanen das Kapellchen St-Amande.

Die Messe, nur einmal im Jahr, Pfingstmontag, zu Ehren des Namenspatrons gefeiert, ist vorbei, Menschengruppen verteilen sich zwischen den gefleckten Baumstämmen. Alphonse kennt alle; Rufe, Händeschütteln – "Cum bas?" – Wie geht’s? Katalanisch wird gesprochen, nur für uns bequemt man sich höflich zum Französischen.

Wir laden unsere Schätze aus dem Auto, suchen uns einen Platz. Alphonse entnimmt dem Korb Gläser, die Pastisflasche, schenkt zwei Finger hoch gelben Anisabsinth ein und füllt mit Wasser auf. "Salut!"

Die Cargolada beginnt. Der Name sagt es – cargol heißt auf katalanisch Schnecke –, das Wichtigste bei diesem traditionellen Grillpicknick sind die Weinbergschnecken. Mindestens zwanzig rechnet man pro Person, und die gilt es jetzt vorzubereiten. Mit einem festen Messer werden die gelbbraungrau gemaserten Häuser gereinigt und die zarten Membranen entfernt, mit denen die Tiere den Eingang verschlossen hatten während ihrer wochenlangen Fastenzeit Monika übernimmt die gesäuberten Exemplare, schaufelt von der auf einem Stück Papier vorbereiteten Pfeffer-Salz-Mischung eine Portion in die Öffnung des Schneckenbauses, schüttelt ab – was hängenbleibt, ist die richtige Dosis (els cargols nehmen sich, was sie brauchen, sagt Alphonse). Ich ordne die präparierten Schnecken, die Öffnung nach oben, auf dem runden Schneckenrost, in der Mitte beginnend, Kreis um Kreis, wie es sich gehört: schneckenförmig.

Das dauert Aber ein Festessen soll nicht in Arbeit ausarten. Immer wieder werden Pausen eingelegt für die Hors d’oeuvre. Ein Stück Schweinssalami. Dazu Baguette, dick bestrichen mit Ailloli, der köstlichen Mayonnaise aus Olivenöl und Knoblauch. Ein Glas einheimischen Rotweins.