Von Manfred Sack

Neue Kunde von den Stilen

Stilkunde – ewiges Bildungsthema. Bücher, die davon Kunde geben – Dauerbrenner im Verlagsgeschäft. Keine Bücherwand im Hause eines auch nur andeutungsweise gebildeten Menschen, in der nicht auch ein Buch stünde, in dem man sich nach Stilmerkmalen erkundigen könnte. Es gibt sie in vielerlei, selten ganz mißratenen Versionen, und manchmal wecken sie ganz erheblich die Aufmerksamkeit, und das auf sehr verschiedene Weise. Drei solcher Stilbücher sind neu erschienen. Zwei davon beschränken sich auf die Baukunst, einer getraut sich, auch in die anderen Künste mit einzudringen.

Dies ist "Keysers großes Stil-Lexikon Europa 780 bis 1980" (herausgegeben von Claudia List-Freytag; Keysersche Verlagsbuchhandlung, München, 1982; 560 S., 1100 teils farbige Abb., 95,– DM). Das zum ersten Mal 1964 herausgebrachte Werk ist nun um einen wichtigen, den schwierigsten, Teil ergänzt worden, um die Kunst des 20. Jahrhunderts. Das Kapitel ist wie die anderen angelegt, es hat sogar den etwa gleichen Umfang: Auf eine allgemeine Einführung in die jeweilige Stilepoche folgen die Erörterungen über Architektur, Malerei und graphische Künste, Skulptur und Kunstgewerbe. Jedes Sachgebiet wird mit einer konzentrierten, prägnanten Darstellung eröffnet, darauf folgen die ausgewählten Beispiele. Ihre Auswahl ist, selbstverständlich, anfechtbar; der Mut, sie zu treffen, so und nicht anders, verlangt deshalb Bewunderung, besonders im hervorragenden Kapitel über die Gegenwart. Das feste dicke Buch eignet sich zum Nachschlagen, aber es wird manchen geben, der sich darin festliest.

Die "Baustilkunde" von Wilfried Koch – Untertitel: "Europäische Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart" – ist, damit verglichen, viel mehr als ein Lexikon (Mosaik Verlag, München, 1982; 469 S., über 2000 Abb., Karten, 98,–DM). Es macht wenig Worte. Die Einführungen in die Epochen sind einfach und zupackend, die Anmerkungen in den Randspalten von knarrender Sachlichkeit und auf die Stichworte beschränkt, die man braucht, um die oft äußerst detaillierten Illustrationen daneben mit Gewinn lesen zu können. Unbekannte Begriffe werden in einem erfreulich umfangreichen (fünfsprachigen) illustrierten Glossar am Schluß des Bandes erklärt: lexikalische Kärrnerarbeit.

Natürlich wecken solche Zeichnungen die Augenlust: Bilderrätsel, deren Erfolg es ist, die Auflösung gleich zu verraten. Das ist auch in dem für "Auszubildende im weitesten Sinne, den kunstgeschichtlich aufgeschlossenen Schüler wie den Architekturstudenten, aber auch den Bauschaffenden" (und wohl auch für Baubenutzer) gedachten Lexikon der Baugeschicnte, das sich in vier Bänden auf zusammen 1336 Seiten ausbreitet. Diese akribisch durchgezeichneten "Materialien zur Baugeschichte 1–4" lassen keinen Zweifel an ihrer Mission; Sie wollen etwas lehren. Das Werk, herausgegeben von Martin Grassnick, unterstützt von Hartmut Hofrichter, reagiert auf den Leser, der in den Zeichnungen spaziert, Fragen hat und zurückblättert; Dort findet er unter einer Nummer die Erläuterung. Es gibt für ihn noch eine Literaturliste und ein Glossar, das aber weit weniger ehrgeizig ist als das in der "Baustilkunde" (Materialien zur Baugeschichte 1: Antike, 2: Mittelalter, 3: Neuzeit, 4: Stadtbaugeschichte von der Antike bis zur Neuzeit; Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig, 1982; 269, 360, 395, 312 S., je 42,– DM). Mir scheint, als sei der 4. Band der interessanteste: eine solche Sammlung bedeutender Stadtgrundrisse gab es bisher nicht.

Berlin-Brandenburger Landschaften

Wenn einer Landschaften malen möchte, dann habe er füglich "einen feinen Geschmack und ein feines Gefühl", aber auch "gute Gesundheit" sowie Kenntnisse der mathematischen Wissenschaften, Architektur, Optik und der Perspektive; nicht zuletzt sollte er im Figurenzeichnen bewandert sein. So hat es einer, der es wissen mußte, in seinen Bemerkungen "Über Landschaftsmalerey" verlangt, Philipp Hackert. Er ist einer der Maler, welche die Gegend in und um Berlin zum Thema hatten und der in die Phalanx von Künstlern gehört, die Irmgard Wirth in einem schön gemachten Buch präsentiert. Es heißt: "Berlin und die Mark Brandenburg – Landschaften". Hackert freilich hielt es dort nicht lange, es zog ihn bald nach Italien, weil, wie Goethe ihn entschuldigt, "in der Gegend um Berlin, außer mancher herrlichen Baumpartie, die Natur wenig malerisch Interessantes dem Künstler darstellte" – eine Beobachtung, der der durch die Mark wandernde Fontane mit einem Trost begegnete: "Auch die häßlichste‘ – sagt das Sprichwort – ‚hat immer noch sieben Schönheiten/ Ganz so ist es mit dem Lande zwischen Oder und Elbe" – was zu beweisen Irmgard Wirth mit ihrem Buch glückt. Die frühere Berlin-Museums-Direktorin breitet die dreihundert Jahre der Berlin-Brandenburger Landschaftsmalerei chronologisch, nach Künstlern geordnet, aus; gelassen und freundlich (Christians Verlag, Hamburg, 1982; 216 S., 177 meist farb. Abb., 78,–DM).