Von Wolfram Fischer

Als Band 50 der "Kritischen Studien zur Geschichtswissenschaft" ist eine bemerkenswerte Aufsatzsammlung erschienen. Die Herausgeber haben sie nicht zufällig für diesen "Jubiläumsband" der erfolgreichen Reihe ausgesucht, die Akzente setzen und Maßstab sein soll. Es handelt sich um Aufsätze des Münchener Wirtschaftswissenschaftlers

Knut Borchardt: "Wachstum, Krisen, Handlungsspielräume der Wirtschaftspolitik. Studien zur Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts"; Verlag Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1982; 302 S., DM 78,–

Den Fachgenossen sind die Aufsätze seit ihrem Erscheinen an sehr unterschiedlichen Orten während der letzten zwanzig Jahre bekannt. Manche sind auch, weil sie zunächst einem Fachpublikum vorgetragen worden waren, entweder dem wirtschaftspolitischen oder dem zeitgeschichtlichen Forscher vertraut. In dieser geschlossenen Form sollten sie jedoch auch ein weiteres Publikum, das an Grundsatzfragen der historischen Entwicklung oder an den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Problemen der Gegenwart interessiert ist, ansprechen und belehren.

Fast alle Essays kreisen um das Doppelthema: Können wir heute etwas aus der Geschichte lernen? Und: Können wir aus heutigen Problemen etwas für das Studium der Geschichte lernen? Das letztere mag nur Historiker interessieren. Ihnen sei versichert: sie können. Borchardts langjährige Tätigkeit als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft und als Vorstandsmitglied des IFO-Instituts für Wirtschaftsforschung hat ihm reichlich Gelegenheit gegeben, kennenzulernen, wie unsicher der wirtschaftspolitische Rat angesichts sehr komplexer Probleme bleibt und wie hartnäckig manche Probleme, etwa die Inflation oder die Arbeitslosigkeit, sich allen Problemlösungsversuchen entziehen. Deshalb ist er zu sehr vorsichtigen und verständnisvollen Urteilen über Brünings Politik gelangt.

Borchardt warnt vor einem "rückwärtsgewandten Promlemlösungsoptimismus" und unterscheidet sich damit von den meisten Ökonomen der sechziger und frühen siebziger Jahre, die sich gelegentlich mit der Wirtschaftspolitik in der großen Krise befaßt haben. Sie waren, ebenso wie die meisten Politiker, überzeugt davon, daß die Fehler heute erkannt seien und eine ähnliche Situation nicht mehr eintreten könne. Borchardt hingegen macht darauf aufmerksam, daß auch damals die Krankheit schwer zu diagnostizieren war; daß sie eine Reihe widersprüchlicher Elemente enthielt, die nur mit unterschiedlichen Medizinen zu bekämpfen waren, so daß selbst bei ihrer rechtzeitigen und sachgerechten Anwendung ihre Wirkungen sich möglicherweise aufgehoben hätten.

Vor allem aber macht er immer wieder darauf aufmerksam, daß während des größten Teils der Amtszeit Brünings die Vorschläge, von denen man im nachhinein gemeint hat, sie hätten die Wirtschaft wieder ankurbeln und die Arbeitslosigkeit zumindest mildern und so vielleicht auch die Weimarer Republik retten können, noch gar nicht auf dem Markt waren, und wo sie auftauchten, von keiner "relevanten politischen Gruppe" übernommen worden waren. Gerade SPD und Gewerkschaftsführung haben lange die Brüningsche Deflationspolitik im Prinzip gutgeheißen, wenn sie auch im Detail andere Akzente gesetzt hätten.