Es war der 24. Mai 1968. Revolutionäre Studenten versuchten, die Pariser Börse im ehrwürdigen Palais Brongniart anzuzünden; doch das Feuer konnte schnell gelöscht werden.

Am 24. Mai 1983 wird ein anderer Palast im Brennpunkt stehen: An diesem ominösen Tag vertritt Erziehungsminister Alain Savary vor der Nationalversammlung im Palais Bourbon seine umstrittene Bildungsreform. Auf der Straße werden die Demonstranten skandieren: "Nieder mit Savary!"

Nicht nur die Studenten, sondern auch die Ärzte, die Bauern, die Kleinunternehmer und die Handwerker rebellieren gegen die sozialistische Regierung; extreme Schlägertrupps verunsichern das Pariser Studentenviertel. Frankreich erlebt einen "heißen Frühling" – aber keineswegs eine Neuauflage der 68er-Revolution. Vor 15 Jahren war das Regime gefährdet, weil sich die Arbeiter mit den Studenten solidarisierten. Heute sind etwa die hartnäckig streikenden Medizinstudenten nicht einmal mit den Pharmaziestudenten solidarisch.

Seit Februar protestieren die 30 000 Medizinstudenten gegen strengere Abschlußprüfungen und gegen die erschwerte Ausbildung zum Facharzt Sie folgen dem Beispiel der Spitalärzte, die mit einem landesweiten Streik verhinderten, daß eine neue, "minderwertige" Kategorie von beamteten Medizinern eingeführt wird. Die Pharmaziestudenten hingegen empört, daß ihr Studium durch obligatorische Spitalpraktika verlängert werden soll. Darauf sind offenbar nicht einmal alle Krankenhäuser eingestellt. Jedenfalls wollen die Studenten während der Praktika entlohnt werden.

Am besten organisiert sind die Jura-Studenten, die eine "Nationale Koordination gegen das Savary-Gesetz" gründeten, der 15 von 71 Universitäten und Hochschulen in Frankreich angehören. Paradox ist, daß hier meist konservative Gruppen gegen ein grundkonservatives Anliegen Sturm lauten: Savary will die Auswahlkriterien verschärfen und dabei die Lage auf dem Arbeitsmarkt sowie die Aufnahmekapazität der Universitäten berücksichtigen. Überdies legt sein Gesetzesentwurf den Akzent auf Berufsausbildung statt wie bisher auf Allgemeinbildung. So sollen Vertreter der Berufsverbände und der Gewerkschaften über ein Drittel der Sitze in den Hochschulräten belegen, während der Einfluß der Professoren zurückgedrängt wird. Nicht von ungefähr haben denn auch viele Dozenten für ihre Studiosi Partei ergriffen, zumal ihnen die Autonomie der einzelnen Fakultäten bedroht scheint.

Eine gaullistische Regierung hatte 1968 die Selektion offiziell abgeschafft. Das linke Regime muß sie nun 15 Jahre später wieder institutionalisieren. Freilich bleibt pro forma der freie Zugang zu den Universitäten unangetastet; erst nach zwei Studienjahren soll unerbittlich gesiebt werden; Es sind die linken Studentenverbände – sie vertreten über 40 Prozent der Studentenschaft –, die den Protest kanalisieren und dämpfen wollen; an vielen Fakultäten nicht ohne Erfolg. Die Wortführer der Protestbewegung bezeichnen sich als "apolitisch", obwohl sie der Opposition nahestehen. Die meisten Rechtspolitiker begnügen sich indes mit diskreten Sympathiebekundungen, um nicht die Linke zu mobilisieren. "Die Opposition darf die Konflikte nicht verschärfen", mahnt Gaullisten-Führer Jacques Chirac seine Truppen,

Gespannt wartet man auf den Beginn der parlamentarischen Debatte über das "Savary-Gesetz" am 24. Mai. Nach einer alten französischen Tradition ist es in wesentlichen Punkten nichtssagend und räumt damit der Regierung uneingeschränkte Kompetenzen ein. Die Straßenproteste sind denn auch ein Zeichen für das mangelnde Vertrauen in das Parlament. Immer wieder wollen alle Unzufriedenen den direkten Kontakt mit der Regierung erzwingen, weil sie wissen, daß das schwache Parlament dem Kabinett nicht Paroli bieten kann,