Von Michael Krüger

Kurzgeschichten sind nicht gefragt. Was sich dem flatterhaften Zeitgeist geradezu anbieten müßte als formale Entsprechung, gleitet von ihm ab. Er sieht es lieber, wenn seine Desorientiertheit noch einmal als "richtiger" Roman zusammengefaßt wird, in dem illusionären Wunsch, die fiktive Lebensgeschichte könne den Verlust der realen aufheben. Der sehnsuchtsvolle Ruf nach einem "Balzac unserer Zeit" klingt wie ein Hilferuf von denen, die den Faden verloren haben – nun soll der Künstler sie an der Hand nehmen und aus dem Labyrinth wieder herausfuhren. Nur ist es dann gerade nicht dieser oder jener Roman, und auch der dritte führt immer tiefer hinein, wo es unwegsam oder glitschig ist. Bleibt der Wunsch, während das Leben – ohne den "Roman unserer Generation" – vergeht.

Eines der wichtigsten Merkmale der Kurzgeschichte, das Artistische im Inhaltlichen aufgehen, also das eine nicht über das andere dominieren zu lassen, und eine ihrer wichtigsten Beschränkungen, nämlich das Detail für sich selber und nicht für das Ganze sprechen zu lassen, kennzeichnen die besten Arbeiten von –

Keto von Waberer: "Der Mann aus dem See", Erzählungen; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1983; 284 S., 29,80 DM.

Die meisten Geschichten beschreiben Situationen aus der Zeit der Pubertät, einige handeln davon, wie sich die Erlebnisse jener Zeit später fortsetzen und auswirken. Den geheimen Wunsch des Lesers, die Erzählungen chronologisch so zu lesen, daß sich eine Art "Lebenslauf" ergibt (also ein Ersatz-Roman), muß die Autorin geahnt haben; also hat sie die Reihenfolge kräftig durcheinandergeschüttelt. Aber trotz dieser Finte und hinter den wechselnden Namen, Ländern und Situationen wird eine Person sichtbar, die – als kleines Mädchen, als Heranwachsende, als Ehefrau und Mutter zweier Kinder – ihre eigenen Erfahrungen mit Sexualität, Liebe, Erotik macht und sie gegen alle von "außen" kommenden Reglementierungen durchsetzen und trotz aller Niederlagen verteidigen will.

Die Titel- und Schlüsselgeschichte steht bezeichnenderweise am Schluß. In ihr werden im Zeitrafferverfahren noch einmal alle Sehnsüchte, Hoffnungen und Begierden vorgeführt, die in den vergangenen Texten jeweils als Beispiel für eine bestimmte Situation dienten.

Eine junge Frau macht nach einem Zusammenbruch Urlaub auf einer Insel. Als sie eines Abends mit dem Bus nach Hause fährt, hält neben ihrem ein anderer Bus: "Der andere Bus ist leer, ich kann sein türkisgrünes Inneres sehen. Nur ein Passagier sitzt im Bus, ein Mann in einem weißen Hemd, er hält eine Papiertüte auf dem Schoß. Er sieht müde aus, seine Augen liegen in dunklen Höhlen. Ich habe ihn gleich erkannt, und auch er hat mich zwischen den nackten Schultern und den feuchten krausen Köpfen entdeckt. Er schaut zu mir herüber. Er lächelt, oder ist es nur ein Licht, das über sein Gesicht fällt? Einen Augenblick lang ist es ganz still, und ich höre weit weg die Wellen schlagen. Der Wind riecht nach Tang. Aber da fährt der andere Bus an, mit gerunzelten Brauen lehnen sich die Fahrer am Steuer zurück wie Wagenlenker, die ihren Pferden gerade die Peitsche übergezogen haben. Die Busse gleiten aneinander vorbei und verschwinden in der Nacht."