Wenn die Schülerzahlen sinken, müssen Schulen schließen. Die Welle fing bei den Grundschulen an, sie hat jetzt die Gymnasien erreicht. In den Großstädten ist daher lebhafte Konkurrenz zwischen benachbarten höheren Schulen entbrannt: Das Lehrerkollegium, das mehr Zehnjährige anwirbt als die Kollegen, ist ungefährdet; die weniger attraktiven Gymnasien sehen ihr Ende nahen.

Ein Beispiel von mehreren ist das Heinrich-Heine-Gymnasium in Hamburg. Die Schule liegt in einer Arbeitergegend, zwischen den Stadtteilen Eimsbüttel und Altona; sie ist modern, noch keine 15 Jahre alt, mit Fachräumen und Sportstätten großzügig ausgestattet. Im neuen Schuljahr sollen keine fünften Klassen mehr eingerichtet werden. Das Gymnasium soll "auslaufen", wie es im behördenjargon heißt, und Standort für eine Schule werden.

Warum gerade dieses Gymnasium? Die Anmeldungen sind mit nur 39 Kindern gering, doch sie hätten durch Zuweisungen des Schulaufsichtsbezirks erhöht werden können. Schüler, die in Nachbarschulen nicht unterkommen, werden nämlich gezielt an andere Schulen abgegeben. Die Schulleitung und die Schulkonferenz vermuten, daß die Hamburger Schulbehörde lieber Schulen ohne Vergangenheit und Prestige opfert als Gymnasien mit langer Tradition. Die Konsequenz in Hamburg und demnächst vielleicht auch in anderen Großstädten: Alteingesessene Gymnasien in bürgerlichen Wohnvierteln bleiben erhalten, die neuen in den Arbeitervierteln verschwinden wieder.

Dazu kommt, daß viele Eltern wieder Latein als erste Fremdsprache ihrer Kinder den Vorzug geben. Humanistische Gymnasien können sich in Hamburg inzwischen vor Anmeldungen kaum retten. Das Heinrich-Heine-Gymnasium, das als erste Fremdsprache Englisch und als zweite wahlweise Französisch oder Russisch anbietet, liegt da nicht hoch im Kurs.

Die Eltern, die das Heinrich-Heine-Gymnasium für ihre Kinder ausgewählt haben, wollen nicht aufgeben. Sie versuchen durch eine Klage, die Einrichtung einer 5. Klasse doch noch durchzusetzen.

Peter Pedell