Hamburg

Wer darauf verachten kann, mit einer Waffe zu kommen – die Leibesvisitation wird bei diesem Prozeß sehr gewissenhaft gehandhabt –, der erhält Einlaß zu einem höchst ungewöhnlichen Stück aus dem St.-Pauli-Milieu, einem Stück, bei dem die Hauptfiguren entweder nichts wissen oder nichts sagen.

Die drei Angeklagten, Karl-Heinz Gebauer, Sieghart Schmidt und Wolfgang Pohndorf, sind überhaupt nicht gesprächsbereit. Als Anhaltspunkt für das, was sie sagen könnten, läßt sich bestenfalls eine schriftliche Erklärung des Angeklagten Schmidt verwenden, in der sehr viel von Selbstmitleid und wenig zur Sache geredet wird.

Und der Hauptzeuge, "Karate-Tommy" Thomas Born, hat in diesem Fall zwar einiges mitbekommen – zum Beispiel eine Kugel in den Bauch –, aber auch ihn überkommt plötzlich ein vages Gefühl von menschlicher Größe, als er danach gefragt wird, wie es damals in der Nacht zum 22. Oktober 1982 im Eros-Center auf St. Pauli war, als die Schüsse fielen. Man habe die Geschichte auf anständige Weise klären wollen, sagt er, "wie es im Milieu nun einmal unter Ehrenmännern üblich ist".

An diesem 22. Oktober, es war kurz nach 1.30 Uhr nachts, wurde im Salon Bei Ami scharf geschossen. Das Fazit: Zwei Tote und ein Verletzter. Der Anlaß: Zwei Prostituierte waren sich in die Haare geraten, wobei eine von ihnen, Monika Becker, in den Zustand der Dienstuntauglichkeit versetzt wurde. Und da die Mädchen auf dem St.-Pauli-Strich im allgemeinen nicht ohne männlichen Schutz sind, setzte sich hernach eine Interessen-Vertretung der Verprügelten in Marsch.

Da es nun auf St. Pauli, was Karate-Tommy anscheinend nicht weiß, keineswegs üblich ist, derartige Angelegenheiten mit Samthandschuhen zu erledigen, wurden "SS-Klaus" Breitenreicher, "Angie" Becker (seine Frau war die Verprügelte) und Karate-Tommy Born nicht mit Blumen, sondern mit Blei überschüttet. Was zur Folge hatte, daß "SS-Klaus" und "Angie" ihr Leben im Kugelhagel lassen mußten. Karate-Tommy rettete sich, angeschossen, mit einem Sprung nach rückwärts, was ihm sonst nicht liegt.

Die Täter, die nach ihrer schriftlichen Erklärung "vor allem Angst" gehabt haben wollen vor der "Nutella"-Gang, zu der auch das verprügelte Mädchen gehörte, fühlten sich bedroht und handelten "in Notwehr", als die Tür aufging.