Wolfgang, 17 Jahre alt, geht bei einem Steuerberater in die Lehre. Von acht Uhr bis nachmittags um fünf sind Lohnsteuertabellen und Taschenrechner sein Handwerkszeug. Doch sein Feierabend endet nicht, wie der vieler Altersgenossen, vor dem Fernseher oder in der Diskothek. Zweimal in der Woche stehen Philosophie, Geschichte oder das Jugendarbeitsschutzgesetz auf dem Programm. Wolfgang ist einer von 19 Jugendlichen, die an einem zehn Monate langen Lehrgang der Kölner Volkshochschule teilnehmen. Das Besondere daran: In dieser Zeit leben die jungen Angestellten, Arbeiter und Beamten gemeinsam als Wohngemeinschaft im stadteigenen "Haus Balchem" in der Kölner Severinstraße.

Eine solche Lern- und Lebensgemeinschaft ist einmalig in der Bundesrepublik. Sie orientiert sich an den Arbeiterbildungsheimen der Weimarer Republik, die es bis in die dreißiger Jahre hinein in Dresden, Berlin, Oldenburg, Leipzig und Jena gab. "Wir verstehen Arbeiterbildung als Interessenbildung innerhalb der sozialen Auseinandersetzung", beschreibt Friedel Giesen, Leiter des Volkshochschulheims, den heutigen Sinn der Lehrgänge. Der Kölner Volkshochschule geht es nicht nur darum, den geringen Arbeiteranteil an ihren Bildungsprogrammen zu erhöhen. "Durch die Wohngemeinschaft soll auch Selbstverantwortung und Lebensbewältigung gelehrt werden", erklärt Giesen. Die jungen Leute erhalten von den Pädagogen keine Anweisungen, wie sie die Aufgaben innerhalb der Gruppe einzuteilen haben. Einkauf und Zubereitung der Mahlzeiten, den Abwasch und den Reinigungsdienst müssen sie im Volkshochschulheim selbst organisieren. Durch Rhetoriklehrgänge und Gruppenspiele sollen die Teilnehmer die Fähigkeit erwerben, sich in der Arbeitswelt selbstbewußt Gehör zu verschaffen.

1975 begann der erste Lehrgang. Noch bis zum Juli dieses Jahres läuft der siebte Kurs. Es könnte der letzte sein. Die Lehrgänge, geschaffen als die Städte noch Geld übrig hatten, drohen der leeren Kölner Stadtkasse zum Opfer zu fallen.

Seit der Kommunalwahl 1979 wird Köln sozialliberal regiert. SPD und FDP haben ein Koalitionsabkommen geschlossen, in dem auch "der Fortbestand des ‚Haus Balchem‘ als Stätte der Arbeiterbildung" festgelegt ist. Bei einem koalitionsinternen Gezerre um die Anhebung der Gewerbesteuer geriet dieser Punkt jedoch erneut in die Verhandlungsmasse.

Das Hauptargument der Kritiker von der FDP: Das Volkshochschulheim erfülle keine öffentliche Aufgabe und bringe dem Steuerzahler keinen Nutzen. Vielmehr profitierten lediglich die Gewerkschaften und die SPD. "Diese beiden Einrichtungen verfügen über genug Stiftungen und sonstige Bezuschussungsmöglichkeiten, um Ihnen das Leben im Internat auf andere Weise zu ermöglichen", teilte FDP-Fraktionschef Wilhelm Peter Winkler den Kursteilnehmern mit. Er will rund 300 000 Mark im Stadthaushalt einsparen.

Den Kölner "Verein für Arbeiterbildung", der 4000 Unterschriften sammelte, erbittert es besonders, daß ein sinnvoller Ansatz in der Jugendpolitik zunichte gemacht werden könnte. Der Verein zitiert die Enquetekommission "Jugendprotest im demokratischen Staat": "Kleine Einheiten sind auch die Voraussetzung der von Jugendlichen erwarteten Selbstverwirklichung: Ein überschaubarer Raum, in dem sie Freiheit und Verantwortung, Gestaltungsmöglichkeiten und Rücksichtnahme gleichermaßen erproben und lernen können, wo sie mit anderen arbeiten, solidarisch zusammen Konflikte bewältigen, leben und lernen und menschlichen Kontakt finden." Eckart Gienke