Ist es erlaubt, eine Stadt mit einer Diva zu vergleichen? Einer sehr gealterten Diva, die glänzende Auftritte auf der Bühne der Weltgeschichte hatte, deren abgebröckelte Hinterlassenschaft sie ihren Besuchern nun gern zu zeigen bereit ist. Die Dame stand im Mittelpunkt globaler Macht und trug mit geradezu schamlosem Prunk das Gold und Geschmeide zur Schau, das jenseits der Ozeane, wo ihr Name gefeiert und gefürchtet wurde, gestohlen worden war. Ach, lang ist’s her. Heute streicht die Diva nicht mal mehr Rouge über die Runzeln, tut gar nicht so, als sei sie noch jung, umworben und verstrickt in tausend Intrigen. Die Diva namens Lissabon verzichtet auf Tünche und Kosmetik. Heruntergekommen ist sie äußerlich, doch Grande Dame noch immer, die mit großer Geste die von Motten zerfressene Federboa über die knochigen Schultern wirft und den längst fälligen Fassadenschutz von Jahr zu Jahr verschiebt, um das gelegentliche Langusten-Essen nicht verschieben zu müssen. Die Diva unter Europas Hauptstädten?

Oder ist der Vergleich mit einer Seemannsbraut treffender? Einer verarmten Frau, deren Lebenslust ungestillte Sehnsucht durchzieht. Ihr Warten an den Ufern des Tejo war immer wieder belohnt worden durch die kostbaren Mitbringsel aus aller Welt. Damals. Souvenirs aus Erinnerungen und Namen steckt sie sich heute ins strähnige Haar und an die löchrigen Gewänder. Die Seemannsbraut, ihrer epochalen weltweiten Verbindungen längst ledig, zurückgeblieben am südwestlichen Rande Europas?

Ich bin unschlüssig, welche der beiden Gestalten eher Lissabon charakterisiert, aber daß es eine Frau ist, drängte sich mir bei allen urbanen Annäherungsversuchen auf: eine Frau, die sich mit dem schmückt, was ihre Seefahrer und Seemänner so alles heimgebracht haben; und liebevoll verewigt sie das Gefährt, das die vom Tejo ausgehenden Entdeckungen überhaupt erst möglich machte.

Beispielsweise Alfama. Wir ließen uns durch das auf- und absteigende Labyrinth der verschachtelten Altstadt treiben und strolchten durch die nach gebratenem Fisch und Armut riechenden Gassen, wo eher die Seemannsbraut wohnt und nicht die Diva. Kleine Leute gingen nun mal leer aus bei der Verteilung des Reichtums, der über die Meere kam. Atemlos vom Klettern auf steilen Steintreppen und abschüssigem Kopfsteinpflaster überfällt einen diese banale historische Tatsache, die sich in rissige Mauern, dunkle enge Räume und in die Mienen ihrer Bewohner gegraben hat. Sie staffieren ihr Zukurzgekommensein mit heimischem Zierat aus, mit üppigblühenden Topfblumen, die, an Wänden hängend, deren Schäden verdecken, und mit Fähnchen und Papiergirlanden, die, von Haus zu Haus gespannt, neben der tropfnassen Wäsche im Winde flattern.

Von vielen Plätzen, Mauervorsprüngen, Serpentinen tut sich Ferne auf, kontrastreiche Weite zur Alfama-Enge. Auf der Terrasse Santa Luzia beispielsweise, die kostenloser Kindergarten, Treffpunkt kartenspielender Männer und strickender Frauen ist; eine dieser öffentlichen guten Stuben der Alfama, über der sich ein unendlicher Himmel wölbt, ein Platz zum Atmen, wo der Blick über rote Dächer hinunter zum Binnensee des über reicht. Moderne Frachter liegen da auf Reede oder Werden am Kai von Kränen entladen. Dieser ideale Hafen mit seinen Ausmaßen, die den kühnen Spruch berechtigt erscheinen lassen, der Port vermöge alle Kriegsflotten der Welt zu beherbergen, war der Beitrag der Natur zum Aufstieg Lissabons gewesen. Schützend nimmt der hier mehr als zehn Kilometer breite Fluß die Schiffe auf, denen sich erst 17 Kilometer weiter der Atlantik öffnet. Eine prächtige Kachelwand auf der Terrasse von Santa Luzia gibt Szenen des maritimen Aufbruchs wieder. Über die von Sprüngen durchzogenen Glasurwellen segeln blaßblau die lusitanischen Entdeckerpötte.

Die traditionsreiche heimische Kunst bemalter Kacheln, Azulejo genannt, findet sich bei Straßenschildern wieder. Unten im geschäftigen Viertel der neueren Stadt, der Cidade Baixa, an der Praga do Municipio, rauscht buntglänzend über den Worten der Ortsangabe ein Segler imaginären Stürmen entgegen, auf geblähtem Leinen die roten Kreuze des Christusordens, in dessen Zeichen die ersten portugiesischen Karavellen über unbekannte Meere fuhren. Durch die Prachtstraßen des Viertels um die Praça mit dem beziehungsvollen Namen Comercio weht der Duft von Großerweiterwelt und all dessen, was handelnd damit zu tun hat. In der noblen Umgebung von Banken, exquisiter Geschäfte und Cafés der schachbrettartig angeordneten Straßen, flußabgewandt hin zum Dreh- und Angelpunkt des Rossio-Platzes, hat eher die Diva ihre Domäne als die Seemannsbraut, die hier nur Passantin sein darf.

Daß die Geschäfte, historisch gesehen, ohne geschwellte Segel undenkbar gewesen wären, halten diesbezügliche Bilder auf Brunnen und Bank-Emblemen auch hier ständig vor Augen. Weil Lissabons Stadtwappen – wen wundert’s – das Segelschiff in den Rang der Repräsentation erhebt, prangen solche Schiffchen an den Masten der Straßenlaternen ebenso wie auf den Tafeln, die zur Reinhaltung der Wege gemahnen. Auf den Dächern von Amtsgebäuden recken sich schmiedeeiserne Segelschiffe in den Wind. An Prunkfassaden ist das Motiv in Stein gehauen. Und wenn mit einer Handvoll Kleingeld im Café der Portwein bezahlt wird, dann klimpert eine Miniatur-Flotte über den Tresen. Die Escudo-Münzen sind mit Schiffen unterm berühmten Lateinersegel geprägt. Republica Portuguesa steht drumherum. Mit solchen Schiffen hat sich Portugal den Platz in der Weltgeschichte erobert, längst bevor es Republik wurde.