Es gibt heute dreierlei Arten von russisch geschriebener Literatur: Es gibt – in der Sowjetunion – die "legal" erscheinende Literatur, die man gemeinhin als Sowjetliteratur bezeichnet. Es gibt, ebenfalls in der Sowjetunion, die "illegal" im sogenannten Samisdat erscheinende Literatur, und es gibt schließlich die Exilliteratur, die man in der Sowjetunion auch Tamisdat nennt, weil sie "dort", das heißt jenseits der Landesgrenzen erscheint. Alle drei sind Bestandteil dessen, was als russische Gegenwartsliteratur bezeichnet werden muß. Sie ab Gesamtkomplex zu betrachten, ist schon deshalb notwendig, weil sich alle drei "Literaturen" unter dem Druck der Geschichte aus derselben Quelle nähren: der nachstalinistischen Kultur- und Bewußtseinskrise, deren Problematik sie überhaupt erst aufdecken.

Es ist heute müßig zu fragen, wie die russische Gegenwartsliteratur. aussehen würde, wenn Chruschtschow ihr mit seiner berühmten Geheimrede "Der Personenkult und seine Folgen" auf dem 20. Parteitag im Jahre 1956 nicht den entscheidenden Impetus gegeben hätte. Vermutlich sehr viel ärmer. Fest jedoch steht auch, daß die russische Elite diesen Impetus aufgegriffen und, was Chruschtschow gewiß nicht beabsichtigte, aus der pragmatischen Entstalinisierung eine moralische Entscheidung gemacht hat. In der Literatur aber bereitete sich jener Szenenwechsel vor, der ihr die Fähigkeit zurückgeben sollte, die Krankheiten und Anomalien russischen Lebens anzuprangern und einzuklagen, anstatt sie wie bisher zu verdrängen, zu leugnen, zu retouchieren oder auf falsche Ursachen zurückzuführen. Doch auch das geschah nicht von heute auf morgen, sondern entwickelte sich in immer wieder verzögernden Schüben, die man vereinfacht in drei Abschnitte gliedern kann:

  • die "Tauwetterjähre", die 1953 mit dem Tod Stalins beginnen und 1964 mit Chruschtschows Sturz enden;
  • die "Ära Solschenizyn", die noch zu Chruschtschows Zeiten mit der Veröffentlichung von Solschenizyns Erstlingsnovelle "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" ihren Anfang nimmt und mit seiner Ausweisung im Februar 1974 endet. In diese Zeit fällt auch die Entstehung und Entwicklung von Samisdat und damit die Spaltung der Literatur in die sogenannte "legale" und "illegale" Literatur, was beiden Literaturen zugute kommt, weil Konkurrenz Druck erzeugt und damit die Qualität fördert; weil die "Freiheit", die sich die "illegale" Literatur nimmt, auch der "legalen" zugute kommt: Sie darf und muß, um nicht ins Hintertreffen zu geraten, kühner werden;
  • der Exodus der Schriftsteller; er beginnt 1974 mit der Exilierung Solschenizyns, hält, wenn auch zum Rinnsal versickert, bis heute an und führte zur Gründung von Tamisdat, das heißt der im Exil geschriebenen und veröffentlichten Literatur; sie findet auf verschlungenen Wegen in die Sowjetunion zurück und dürfte einer literarisch interessierten Minderheit zumindest nicht unbekannt sein.

Das ist der Stand der Dinge, ob man ihn gutheißt oder nicht, gibt es doch diesseits und jenseits der Grenzen genug Stimmen, die nur die "legal" erscheinende oder aber nur die Samisdat- und Tamisdatliteratur zur einzig repräsentativen erklären. Aber das hieße die Literatur mit Scheuklappen betrachten. Was heute noch ideologisch getrennt ist, wird morgen unter dem Gütezeichen russische Literatur vereint sein. Damit wäre man bei der Frage an die Zukunft, aber auch bei der Feststellung angelangt, daß diese drei Arten von Literatur nicht etwa in steriler Trennung und Abgrenzung nebeneinander existieren, sondern sich gegenseitig beeinflussen, ergänzen und, was ebenfalls wichtig und fruchtbar ist, auch gegenseitig widersprechen und in Frage stellen, weil nur so Korrektur als Richtig-, nicht als Bloßstellung möglich ist.

Was ist nun zu diesen drei Epochen, drei Phasen "Gegenwartsliteratur" zu sagen? Zunächst einmal: Die sogenannte "Tauwetterliteratur" hat trotz einigen bemerkenswerten Veröffentlichungen (zum Beispiel Boris Pasternaks "Doktor Schiwago", Wladimir Dudinzews "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", Alexander Beks "Ernennung", Konstantin Paustowskijs sechsbändigem Erinnerungswerk, Jurij Kasakows Novellen sowie einigem aus Tendrjakows sozialengagierter Prosa, nicht zu vergessen schließlich den beiden skandalumwitterten Literaturalmanachen Das literarische

Moskau und Blätter aus Tarussa) keine individuellen Meisterwerke, wohl aber jenes vorbereitende Klima geschaffen, aus dem heraus sich alles Weitere entwickeln sollte. Anders kann man sich den Erfolg eines Banalromans wie Ilja Ehrenburgs "Tauwetter" nicht erklären.

Die Leser wurden in den folgenden Jahren vor allem durch eine ungemein rege publizistische Auseinandersetzung, für die Dutzende von Zeitschriften mit immens hohen Auflagen zur Verfügung standen, auf die Möglichkeit, ja die Wünschbarkeit von Reformen und Veränderungen vorbereitet. Das war schon deshalb von Bedeutung, weil sich eine neue literarische Generation zu Wort gemeldet hatte, der sehr bald eine eigene Zeitschrift zur Verfügung stand, Valentin Katajews Jugend, in der sich Dutzende von jungen Leuten zu frühem Ruhm, aber auch zu wortreicher Bedeutungslosigkeit "frei-" und "totschreiben" sollten.