Arbeitgeber und Gewerkschaften führen den falschen Streit

Von Michael Jungblut

Die Bundesrepublik steht am Vorabend eines sozialen Konflikts, wie sie ihn seit 1957 nicht mehr erlebt hat. Damals erzwang die IG Metall in einem sechzehn Wochen dauernden Arbeitskampf den Einstieg in die Lohnfortzahlung für erkrankte Arbeiter. Diesmal will die gleiche Organisation, die sich stolz die größte Einzelgewerkschaft der Welt nennt, als Speerspitze des DGB den Einstieg in die 35-Stunden-Woche erkämpfen.

Die IG Metall und andere Gewerkschaften, die die Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten ebenfalls auf ihre Fahnen geschrieben haben, müssen dabei mit härtestem Widerstand der Arbeitgeber rechnen. Verbandspräsident Otto Esser hat alle Forderungen nach einer 35-Stunden-Woche bisher brüsk zurückgewiesen.

Der Zusammenstoß wird spätestens im Herbst stattfinden – mit unabsehbaren Folgen für den Arbeitsmarkt, die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen, die Einkommen und den sozialen Frieden. Ende dieses Jahres laufen nämlich nicht nur im Bereich der Metallindustrie sondern auch in einigen kleineren Branchen die sogenannten Manteltarifverträge aus, in denen die bisher geltende Arbeitszeit von vierzig Stunden festgeschrieben ist.

Für den Ruf nach einer kürzeren Arbeitszeit gibt es schwerwiegende Gründe. Der Gewichtigste ist, daß alle anderen Mittel im Kampf gegen die Beschäftigungskrise versagt haben. Seit acht Jahren nimmt die Zahl der Arbeitslosen von Jahr zu Jahr zu. Ein Ende dieser tristen Entwicklung ist nicht abzusehen, denn

  • trotz schrumpfender Bevölkerung wächst mindestens noch bis zum Ende der achtziger Jahre die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter – eine Folge des Baby-Booms in den sechziger Jahren;
  • gleichzeitig scheiden relativ wenig ältere Arbeitskräfte aus dem Berufsleben aus – eine Folge der hohen Verluste, die diese Jahrgänge im Krieg erlitten haben;
  • diese Entwicklung fällt mit einer weltweiten Wirtschaftskrise zusammen.