Von Nina Grunenberg

Wenn der rote Haarschopf nicht wäre, könnte man Otto Wiesheu, den neuen Generalsekretär der CSU, für eine Taschenausgabe von Franz Josef Strauß halten. Schon die gedrungene, zur Massigkeit neigende Statur des 38iährigen erinnert an den Großmeister. Aber auch die geistige Orientierung läßt keinen Zweifel daran aufkommen, daß der Apfel in die Nähe des Stammes gefallen ist. Dafür bürgt auch Wiesheus sichere Verankerung in der Tiefe des bayerischen Volkes, an der erfolgreiche CSU-Politiker meistens zu erkennen sind. In Wiesheus Falle entspricht sie fast dem CSU-Bilderbuch, Kapitel: Aufstieg ohne Entfremdung.

Wiesheu stammt von einem Bauernhof (Viehzucht, Bullenzucht, Getreideanbau) in Zolling im Landkreis Freising, Bezirk Oberbayern. Sein Vater war 22 Jahre lang Bürgermeister des Ortes. Von den sieben Kindern studierte Otto als einziges. Die Familie hatte auf einen Pfarrer gehofft. Doch dieses Ziel verlor der Knabe schon auf dem Humanistischen Gymnasium in Freising aus den Augen. Statt dessen ging er unter die Juristen. Zuvor hatte er noch zwei Jahre lang in Nagold bei den Fallschirmjägern gedient. Fallschirmspringen reizte ihn. Noch heute fliegt er gern – inzwischen allerdings lieber am Knüppel einer Maschine.

Das Studium in München (1966 bis 1970) finanzierte er von Anfang bis Ende selber – als Hilfsarbeiter in einer Brauereimaschinenfabrik, als Taxifahrer, als Mähdrescherfahrer beim Lohndreschen und auf dem Schlachthof im Akkord. In die Politik geriet er auf der Universität. Während der Studentenunruhen engagierte er sich – gegen die Linken. In der juristischen Fakultät war das nicht ganz so ungewöhnlich wie in den Geisteswissenschaften, aber auch in München gehörte er damals mit seinen politischen Ansichten zu einer Minderheit. Weil es bei den Konservativen nicht viele gab, die sich artikulieren konnten, dauerte es nicht lange, bis Otto Wiesheu vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten vereinnahmt war.

Von dort war der Eintritt in die Junge Union nur noch eine Formalie. Natürlich wurde er nicht in München Mitglied, sondern in Freising, seiner Heimat. Die Freunde aus der katholischen Jugend, in der er während seiner Schulzeit und auch nach dem Dienst in der Bundeswehr noch aktiv war, hatten sich dort alle schon versammelt und hätten ihn am liebsten umgehend zu ihrem Kreisvorsitzenden gewählt. Weil er erst noch sein Staatsexamen machen wollte, bat er sie um ein Jahr Aufschub. So geschah es auch. 1971 war er schon Bezirksvorsitzender der Jungen Union in Oberbayern – als Nachfolger von Gerold Tandler, dem heutigen Fraktionschef der CSU im Bayerischen Landtag. 1975 wurde er Landesvorsitzender der Jungen Union – als Nachfolger von Theo Waigel, dem heutigen Landesgruppenchef der CSU im Bonner Parlament. Wie von selbst hatte er sich in die Gruppe der Staffettenläufer eingereiht, die sich in der CSU auf dem Weg zur Führungsspitze die Positionen übergeben. So wie er war, paßte er in ihre Reihen: tüchtig, gescheit, clever, mit einer Rhetorik, die einfacher klingt, als sie gemeint ist, mit einem Gespür für Zusammenhänge und mit einer Fähigkeit zu spekulativem Denken. Außerdem ging ihm auch jene Bauernschläue nicht ab, die in Bayern zum Geschäft gehört und die in Oberbayern unversehens zur Verschlagenheit geraten kann.

Eingeweihte vermuteten damals, daß Wiesheu die nächsten Positionen in der CSU-Hierarchie nun mühelos erklimmen würde. Viele rechneten schon Ende der siebziger Jahre mit ihm als nächstem Generalsekretär. Dann fühlten sie sich noch zusätzlich bestärkt, weil Wiesheu nach seinem zweiten Staatsexamen (1973) für kurze Zeit einmal Referent bei Franz Josef Strauß gewesen und dabei ganz offensichtlich in seinen Bann geraten war. Für alle überraschend wurde er kurz vor dem Ziel von dem damals in der Partei relativ unbekannten Edmund Stoiber abgefangen und auf seinen Platz verwiesen: Nicht Wiesheu, sondern Stoiber wurde Generalsekretär. In den folgenden Jahren wurde Wiesheu noch oft für Positionen gehandelt, aber nie auserwählt, sondern im letzten Moment immer wieder von oben ausgetrickst und zur Seite geschoben.

Diese ungnädige Behandlung, die seine Freunde nicht recht zu erklären wußten, nährt den Verdacht, daß Otto Wiesheu womöglich doch eine eigenständigere Persönlichkeit ist, als sich auf den ersten Blick vermuten läßt und als es in der Umgebung von Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber geboten ist. Bei näherem Hinsehen und längerem Suchen lassen sich auch ein paar Schönheitsflecken in der politischen Vita des neuen Generalsekretärs entdecken, die zum Mißfallen des Großmeisters und seines Inquisitors beigetragen haben mögen.