Von Haug von Kuenheim

Wie die Berteismänner von Gütersloh auszogen, um im Illustrierten-Geschäft das Gruseln zu lernen und sich diesen Nervenkitzel zwanzig Millionen Mark kosten ließen – so ein Schauspiel hat die Branche noch nie erlebt.

Eine Tragödie mochte es nennen, wer den 69jährigen Herausgeber Henri Nannen, den "größten Illustriertenmacher der letzten dreißig Jahre", wie er ohne Übertreibung genannt werden durfte, in den Trümmern seines Lebenswerkes herumtappen sah, vergeblich um die Rolle des rettenden Helden bemüht und nur noch ein trauriger Abglanz seiner selbst. Er glich einem Zirkuspferd, das die Orientierung verloren hat. Nannens müde Versuche, durch Tritte an fremde Schienbeine von der Katastrophe im eigenen Haus abzulenken, verrieten so verzweifelt wenig Gespür für den Ernst der Lage, daß seine alten Verehrer vor Scham zu Boden blickten und seine Redakteure ihr einstiges Idol verfluchten. Von Henri Nannen wird im stern nur noch in der Vergangenheitsform gesprochen.

Doch ihre begreifliche Wut führt die Redakteure in die Irre. In Wahrheit liegt es wohl umgekehrt: Der stern hat Nannen nicht überlebt. Seit "Sir Henri" sich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat, um sich seinem Kunsthandel zu widmen, gab es keinen Chefredakteur mehr, der das Millionenobjekt noch mit seiner Autorität, seiner Nase, seinen Überzeugungen und seinem Opportunismus gesteuert hätte. Nannen verkörperte alles, was den stern groß gemacht und erfolgreich auf dem Markt gehalten hat.

Als es die Zeit gebot, war er ein glühender Antikommunist, aber als der Wind sich drehte, trat er für den Ausgleich mit dem Osten ein und ließ sich bei der Vertragsunterzeichnung in Warschau von Willy Brandt als publizistischer Statist anheuern. Er war ein Vertreter der Marktwirtschaft, wie Ludwig Erhard sich ihn entschiedener nicht wünschen konnte, aber als es opportun wurde, ans Umverteilen zu denken und sozial zu werden, marschierte Henri Nannen an der Spitze. Wie kein zweiter verstand er es, stets in der Strömung der Zeit zu schwimmen und im Trend der Mode zu liegen.

Wäre Henri Nannen noch der alte, der Wind im stern hätte sich schon längst wieder gedreht. Um die politische Wende hätte es nie eine Diskussion gegeben: Nannen hätte als erster begriffen, daß zu Helmut Kohl als Kanzler besser die heile Familie und die Freude am Leben passen als Raketen, Atomkraftwerke und Öko-Freaks.

Mit Gesinnungslosigkeit hat das nichts zu tun, dafür um so mehr mit den Geheimnissen einer erfolgreichen Illustrierten. Henri Nannen hat nie Glaubwürdigkeitsprobleme gehabt. Er war der stern, seine Nachfolger sind es nie gewesen und werden es nie sein. Bisher hat er allerdings auch immer dafür gesorgt, daß sie vor ihm aus dem Haus getragen wurden: zuerst der "Kronprinz" Manfred Bissinger, nun Felix Schmidt und Peter Koch. Die beiden hatten geglaubt, sie könnten mit der Hitler-Geschichte aus dem Schatten Nannens heraustreten. Erst auf diesem Hintergrund wird die Geschichte verständlich, die sich in den letzten Tagen im "Affenfelsen" an der Alster abgespielt hat, dem Hamburger Hauptquartier von G + J.