Den Ärzten einer renommierten Bostoner Universitätsklinik wird es nicht gerade angenehm gewesen sein, was Ende April im New England Journal of Medicine zu lesen war. Demnach hatten sie nahezu einem Viertel der in ihrer Behandlung verstorbenen Patienten Fehldiagnosen gestellt, Die wenig rühmliche Quote kam bei einer Untersuchung zutage, die eine sechsköpfige Forschergruppe um Lee Goldman vom Bostoner Brigham and Woman’s Hospital durchführte. Die Gruppe wollte wissen, ob "Fortschritte der diagnostischen Verfahren den Wert von Autopder senkten". Goldmans Team hatte jeweils hundert Autopsien (Leichenöffnungen) aus den Jahren 1960, 1970 und 1980 nach einem Zufallsverfahren ausgewählt; alle Autopsien waren am Brigham and Woman’s Hospital gemacht worden, einem Lehrkrankenhaus der Harvard-Universität.

Jeweils etwa zehn Prozent der ausgewählten Leichenöffnungen hatten es den Pathologen ermöglicht, schwerwiegende Erkrankungen zu diagnostizieren, die zuvor unerkannt geblieben waren – Krankheiten, deren rechtzeitige Diagnose zu einer anderen Behandlung und damit zu einem längeren Überleben der Patienten hätte führen können. Bei weiteren zwölf Prozent der Fälle aus allen drei untersuchten Jahrgängen hatten die Pathologen ebenfalls ernste Leiden enthüllt, die den Ärzten zuvor entgangen waren, aber auch bei richtiger Diagnose keine andere Behandlung erfordert hätten.

Haben all die Ultraschallgeräte, Computer-Tomographen und nuklearmedizinischen Scanner die Genauigkeit ärztlicher Diagnosen zwischen 1960 und 1980 nicht erhöhen können? "Obwohl diese Verfahren nützlich sind und wahrscheinlich zu einer verbesserten ante mortem-(,vor dem Tod‘)-Diagnose von Tumoren im Jahr 1980 führten", kommentiert das Forscherteam, "können sie manchmal doch direkt zu einer Fehldiagnose beitragen": Wenn sich die Ärzte nämlich zu sehr auf ihre neuen Geräte verlassen. Goldman und seine Mitarbeiter wollen die aufgedeckten Schwächen freilich nicht als "Anklage" gegen die neuen Diagnoseverfahren verstanden wissen, sondern "eher als eine vorsichtige Warnung vor einem übermäßigen Vertrauen in sie".

Den Wert der Autopsien konnten die diagnostischen Fortschritte nicht mindern. So trägt zum Beispiel die heute möglich gewordene Verlängerung des Lebens früher todgeweihter Patienten zur Entstehung neuer, schwer erkennbarer Erkrankungen bei – vor allem Bakterien-, Viren- und Pilzinfektionen. "Die Autopsie wird weiterhin viele Schwächen internistischer und chirurgischer Diagnosen aufdecken", prophezeit die Forschergruppe. Derlei medizinische Qualitätskontrolle ist freilich aus Gründen der Kosten und Bequemlichkeit bedroht. Goldman: "Unsere Erkenntnisse legen nahe, daß die gegenwärtige, sehr niedrige Zahl der Autopsien in (amerikanischen) Krankenhäusern unangemessen ist". us/GH