Von Dieter E. Zimmer

Bibliotheken gehören zu den Kommoditäten des Lebens, die man in Anspruch nimmt, aber nicht bemerkt, wie Parkbänke oder Leitungswasser. Erst wenn sie einen mit dem Gewünschten nicht gleich bedienen, wird man sich ihrer Existenz bewußt. Sie sind es also gewohnt, nicht gerade im Flutlicht der Öffentlichkeit zu stehen. Entsprechend schwer fällt es ihnen, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, wenn sie in Not geraten. Die Reaktion ist immer erst: Ach so, die gibt’s ja auch noch.

Dabei sagt schon flüchtiges Nachdenken, daß sie für das Leben der Kultur nicht weniger unentbehrlich sind als das Wasser für den Organismus. Was gedacht wird, wird nach wie vor geschrieben; was geschrieben wird, muß gesammelt und als die Grundlage neuer Gedanken zur Verfügung gehalten werden. Würden plötzlich alle Bibliotheken geschlossen, alle organisierte geistige Tätigkeit käme unweigerlich zum Stillstand. Sie sind die unerläßlichen Speicher der Kultur.

Zur Zeit geht es vielen Bibliotheken in der Bundesrepublik schlecht. Die Finanz-Malaise der öffentlichen Hand hat 1982 auf sie durchgeschlagen, und das hier und da auf eine Art, die nicht ernsthaft in der Absicht des Staates gelegen haben kann und nur damit zu erklären ist, daß die das Geld bewilligenden Gremien keine Ahnung hatten, wie eine Bibliothek funktioniert und was sie trifft.

Besonders drastisch sind die Sparmaßnahmen in Nordrhein-Westfalen ausgefallen, und hier sind es die Stadtbibliotheken in Köln, die am härtesten betroffen sind. 7 von 23 Zweigbüchereien wurden geschlossen, 30 Personalstellen gestrichen, die Öffnungszeiten der Zentralbibliothek von 60 auf 40 Stunden verkürzt, eine Benutzergebühr eingeführt, der Erwerb neuer Literatur auf die Hälfte reduziert. Das Ergebnis: nach Jahrzehnten eines steten Ausbaus und einer beständig steigenden Benutzerzahl gingen die Buchentleihungen innerhalb eines Jahres plötzlich um 6,6 Prozent zurück.

Das allein wäre noch in Kauf zu nehmen. Wo die Mittel des Staats knapp werden, müssen seine Service-Leistungen verringert werden. Schwerer zu verkraften sind die bleibenden Schäden, die so einschneidende Sparmaßnahmen verursachen. Die Bücher, die in einer Zeit vorübergehender Mittelknappheit nicht gekauft, die Zeitschriften, die abbestellt werden, fehlen höchstwahrscheinlich in den Magazinen für alle Zeiten. Eine Bibliothek funktioniert aber nur, wenn sie sich regelmäßig aktualisieren kann. Sie ist auf Kontinuität angewiesen. Ein Lexikon, in dem die Buchstaben L bis Q fehlen, ist unbrauchbar. Eine Bibliothek, in der einige Jahrgänge Neuerscheinungen fehlen oder nur in Rudimenten vorhanden sind, ist wie ein Gebäude, in dem einige Zwischenetagen nicht ausgebaut werden: eine Bauruine.

Die Sparmaßnahmen drohen etliche Bibliothek ken zu Bauruinen zu machen. Das aber trifft, nicht nur sie und ihre Benutzer. Alles hängt so sehr mit allem zusammen, daß die Notlage der – Bibliotheken das ganze System der Literaturvermittlung in eine Krise treibt. Hier soll nur von wissenschaftlicher Literatur die Rede sein.