Von Kurt Becker

Der Zusammenprall zwischen Verlag und Redaktion des stern ist einzigartig wegen der Rigorosität, mit der beide Seiten ihren Machtkonflikt bei voll geöffnetem Vorhang austragen – einzigartig aber auch, weil er fundamentale Fragen der freien Presse in seltener Schärfe aufwirft.

Führungswechsel und politische Korrektur müssen in einem Zeitungshaus keineswegs automatisch miteinander einhergehen. Aber gegenwärtig läßt sich das beim stern kaum voneinander trennen.

Der Krisenauslöser – die Hintertreppengeschichte um die gefälschten Tagebücher Hitlers – hat obendrein eine mit ungehemmten Emotionen aufgeladene Atmosphäre des Mißtrauens geschaffen. Um so begreiflicher sind die Reaktionen: bei der Redaktion der Widerwille gegen jegliche Kurskorrektur, beim Verlag die Sorge vor nicht wiedergutzumachendem geschäftlichem Schaden.

Das Wort Richtungswechsel geht einem schnell über die Lippen, aber einen wirklich eklatanten Richtungswechsel eines international angesehenen Blattes mit hohem politischem Anspruch hat bei uns bisher nur ein einziger deutscher Verleger gewagt und vollendet: Axel Springer mit der Welt. Das geschah Mitte der sechziger Jahre, als Springer beschloß, dieses einst liberale, in mancher Hinsicht sogar progressive Blatt der breiten Mitte des politischen Spektrums aus persönlichen Überzeugungsgründen in ein national-konservatives Kampfblatt zu verwandeln. Doch war das kein mit Paukenschlägen eingeleitetes Ereignis, das sich auf einen bestimmten Tag datieren ließ. Es war ein allmählicher Prozeß, der sich über viele Monate hinzog und seinen Höhepunkt erst nach dem Amtsantritt der sozial-liberalen Regierung in Bonn und dem Beginn der Ostpolitik erreichte.

Axel Springer griff nie unmittelbar ein, er versicherte sich des dazugehörigen, häufig wechselnden redaktionellen Führungspersonals. Alles in allem ein enormer Kraftakt, bei dem mancher Exzeß auch alsbald wieder gestutzt werden mußte; bei dem die fortdauernde Abwanderung angesehener Journalisten, die Art und Weise des Kurswechsels nicht hinnehmen mochten, die frühere Bedeutung der Zeitung verblassen ließ; bei dem schließlich der Verleger seine, inzwischen zum Teil auch wieder zurückgenommene Kursänderung mit enormen Geschäftsverlusten bezahlen mußte – in kaum einem Jahre unter der Dreißig-Millionen-Grenze.

Kein Verleger hat dieses Beispiel einer vollständigen Ausschöpfung verlegerischer Rechte nachzuahmen versucht, wohl auch nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um ein so hohes Risiko laufen zu können. Doch schrittweise und allmähliche Korrekturen hat es allenthalben in der Presse gegeben, vor allem in der Reaktion auf veränderte Zeitströmungen – wie 1968 – und auf neue nationale oder internationale Ereignisse. Es waren auch keineswegs nur Verleger, eher waren es die Redaktionen, die auf evolutionärem Wege neuen politischen Herausforderungen gerecht zu werden versuchten. Am Ende stand meistens ein Konsens zwischen Verleger und Chefredakteur, wie schwer er auch errungen sein mochte.