Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Mai

Kern Zweifel, der Kölner CDU-Parteitag in der nächsten Woche verspricht Helmut Kohl zunächst ein Jubelfest. Ein triumphaler Wahlsieg, nach fast anderthalb Jahrzehnten das erste Bundestreffen der Union wieder mit einem Kanzler aus ihren Reihen, und dieser Regierungschef zudem beinahe auf den Tag genau zehn Jahre Vorsitzender der Partei – günstiger könnten die Umstände nicht sein. Helmut Kohl wird vor die 781 Delegierten als Erfolgsmensch treten, um den sich, nach mancher Talwanderung, Jubiläen und Jahresdaten wie Glücksringe legen. Selbst die ständigen Querschläge aus München können nichts daran ändern; im Gegenteil: Wenn, so der Regierungschef und CDU-Vorsitzende, "die Parteifreunde zwischen Rosenheim und Flensburg" eines wenig erfreut, dann die Interventionen der CSU.

Ausgeräumt sind im Vorfeld des Parteitages auch personelle Querelen, nicht ohne den sanften Druck der Bonner Spitze: Walter Wallmann, der neue hessische Parteivorsitzende und Herausforderer Holger Börners bei der Hessen-Wahl im Herbst, wird auf eine Kandidatur für das CDU-Präsidium verzichten. Sein Vorgänger Alfred Dregger, der manchmal in voreilige Großzügigkeit ausbricht, hatte ihn zu früh vorgeschlagen. Nach Wallmanns Verzicht ist der Weg frei für Richard von Weizsäcker, den Berliner Bürgermeister. Als "Regierender" war er, wie die anderen CDU-Ministerpräsidenten, ohnehin Partei-Präside qua Amt, weil Kohl als ehemaliger rheinland-pfälzischer Landesvater genau weiß, was er an den Landesfürsten hat. Aber Weizsäcker möchte, nach wiederholtem Verzicht auf eine solche Kandidatur, nun aus eigenem Recht im höchsten Parteigremium sitzen.

Ausgestanden ist ebenso die nordrhein-westfälische Nagelprobe. An die Stelle Kurt H. Biedenkopfs, dessen überragendes intellektuelles Talent sich in der praktischen Tagespolitik am Ende eben doch nur theoretisch überlegen zeigte, wird im Präsidium Bernhard Worms, der rheinische Landesvorsitzende der CDU, treten; viele betrachten ihn wegen seiner demonstrativ gepflegten Volksverbundenheit gleichsam als rheinische Abwandlung des Pfälzers Kohl, wie es denn zwischen beiden tatsächlich eine Art Osmose gibt. In den Personalfragen werden also für Helmut Kohl in Köln keine Probleme entstehen, von der einen oder anderen Kampfkandidatur im erweiterten CDU-Vorstand abgesehen, die ohnehin von zweitrangiger Bedeutung sind. Kohl ist im Augenblick einfach übermächtig.

Dennoch hat es seine Gründe, wenn etwa der hellsichtige Generalsekretär der Partei, Heiner Geißler, ganz offen davon spricht, daß die CDU nach der Rückkehr an die Macht "nicht ihren Geist aufgeben" werde – eine Chiffre auch dafür, daß selbst unter den augenblicklichen Umständen Kohl und die CDU nicht in eins geschrieben werden sollen und dürfen. Da stellt sich die alte, seit Konrad Adenauer nicht beerdigte Frage, ob die Union wirklich nur eine durch zeitweilige widrige Umstände verhinderte Regierungspartei ist. Nach 13 Jahren der Opposition ist diese Mentalität noch immer nicht ausgelöscht: Man merkt sie manchen Mitgliedern der neuen Regierung nur allzu deutlich an: Nach: dem ebenso ärgerlichen wie unbegreiflichen Zwischenspiel der sozial-liberalen Koalition, so scheint die allgemeine Auffassung in der CDU zu lauten, sind endlich wieder ordentliche Verhältnisse eingekehrt.

Aber so ordentlich diese Verhältnisse äußerlich auch sind, Kohl regiert mit seiner Kamarilla im Kanzleramt so eng, daß sich Unmut breitmacht. Die Unionsfraktion zum Beispiel fühlte sich übergangen, zumindest nicht gefragt, als es um die Regierungserklärung des neuen oder wieder bestätigten Regiments Kohl nach dem 6. März ging. Und auch die Partei fragt sich insgeheim, was sie denn von "ihrer" neuen Regierung habe, außer dem christlich-demokratischen Titel. Diese Kritik weist in eine Richtung: Die Regierung ist für viele in der Partei nach so vielen Jahren der Abstinenz in der Opposition noch nicht "ihre" Regierung, und sie wünschten ihr mehr christlich-demokratisches Profil.