Ich weiß nicht so ganz, was das ist, aber es passiert, und ich will dabeisein", sagte die Frau, die sich gerade neben ihrem Auto aufbaute, ein unwillig greinendes Kind hinter sich herziehend. Wir standen zusammen mit ein paar anderen Autofahrern auf einem langen Damm, der die Biscayne-Bucht durchquert, – und schauten auf das Wasser. Zu beiden Seiten der Brücke leuchteten in der Ferne zwei kleine Inseln, die ganz und gar mit pinkfarbenem Material umgeben waren. Sie sahen aus wie enorme Wasserlilien, und sie schienen zwischen dem blauen Wasser und dem wolkenlosen Himmel zu schweben. Ein seltsamer und einschüchternd schöner Anblick.

Die beiden Inseln sind Teil eines gigantischen Projekts des in Bulgarien geborenen amerikanischen Künstlers Christo, der natürliche Schauplätze und künstliche Materialien zu Kunstwerken von größter technischer Kompliziertheit und visueller Eindrücklichkeit zusammenbringt. Er hat einen monumentalen orangefarbigen Vorhang zwischen zwei Kliffs in Colorado gespannt. Er hat einen Zaun aus weißem Tuch errichtet, der sich wie ein Band durch mehrere Counties in Kalifornien schlängelte, und er hat die verschlungenen Spazierwege eines Parks in Kansas City mit leuchtend goldgelbem Material ausgelegt.

Das Projekt "Umkränzte Inseln" umfaßt zehn Inseln in der Biscayne-Bucht zwischen Miami und Miami Beach. Diese Inseln jeweils von der Kante bis hin zu den sechs Meter entfernten, im Wasser verankerten Balken mit glitzerndem Plastikmaterial zu umgeben, kostete den Künstler rund 3 Millionen Dollar. Aber am 24. Mai wird das ganze teure Kunstwerk verschwunden sein. Eine Mannschaft entfernt die Materialien und beseitigt die Spuren. So, wie auch Christos andere Großprojekte, lebt "Umkränzte Inseln" nur kurz in Zeit und Raum und wird dafür einen um so festeren Platz in der Erinnerung all derer haben, die dabei gewesen sind und es gesehen haben. "Dieses ist eine ganz und gar poetische Geste", sagt Christo, ein schlanker Mann in Jeans und Tennisschuhen. "Ich habe pink benutzt, die allerkünstlichste Farbe, um den Vorrang des von Menschen Gemachten zu betonen. Außerdem: Miami ist nicht angelsächsisch, es ist romanisch, und das ganze Projekt hat ein tropisches Air."

Verständlicherweise hat das Projekt in der Stadt, die für gewöhnlich nicht als eine der Kultur-Metropolen der Ostküste bekannt ist, ziemliche Kontroversen hervorgerufen. Miami ist ein Ort, der viele an rosafarbene Flamingos denken läßt oder an Einbrüche in Eigentumswohnungen, in denen reiche Rentner, Drogenhändler und das erfolgreichste Steuerhinterziehungs-System der freien Welt zu Hause sind.

Am Wochenende des 8. Mai jedoch schien die Aufmerksamkeit einer erheblichen Anzahl von Leuten kaum den normalen Themen wie Strand, Sonne, Streß und Sicherheitskontrollen zu gelten und dafür um so stärker auf diesen "seltsamen" Burschen Christo und die künstlerischen Möglichkeiten des pinkfarbenen Polypropylen konzentriert zu sein.

"Wenn Gott gewollt hätte, daß Plastik um diese Inseln herum ist, dann hätte er sie selber so geschaffen", insistierte eine zarte Frau, die am Pelikan-Hafen stand, dem Hafen-Hauptquartier des Projekts. "Oh nein", erwiderte ein melancholisch blickender Herr mittleren Alters, "das ist doch so schön. Ich wünschte, wir hätten so etwas in meiner Stadt."

Aber selbst Leute, denen der Anblick der Inseln Spaß macht, finden es schwer zu verstehen, daß Kunst nicht notwendig in einem Museum lokalisiert sein oder Jahrhunderte überdauern muß, um Bedeutung zu haben. Und viele Leute, die ich traf, weigerten sich ganz einfach zu glauben, daß Christo seine Projekte selber bezahlt ("Schätzchen, kein Künstler macht soviel Geld"), oder daß Leute, die nicht in Miami leben, extra angereist kamen, um die Inseln zu sehen. Aber sie waren gekommen, unter anderem auch eine große Gruppe von Japanern, die Fischerboote gemietet hatten, um die Inseln umrunden zu können. Sie wurden übrigens kurz von einer Küstenwache aufgebracht, die dachte, es handele sich um Flüchtlinge aus Haiti. Und da war ich, eine Journalistin aus New York mit einer Vorliebe für feste Unterbauten, in ein Schnellboot gequetscht, das auf eine noch nicht umkränzte Insel losfuhr, bei der eine kleine Gruppe noch damit beschäftigt war, das pinkfarbene Material von den Balken zur Küstenlinie zu ziehen und dann die Planen zusammenzunähen.