Von Jürgen Werner

Gegen italienische Mannschaften habe ich bisher noch nicht verloren." – Ernst Happel, Trainer des Hamburger Sportvereins (HSV), formuliert seine Antwort auf meine Frage, wie er die Chancen seiner Mannschaft im Europapokal-Endspiel der Landesmeister gegen Juventus Turin am kommenden Mittwoch in Athen einschätze, apodiktisch: er kenne den "Catenaccio", den Abwehrriegel italienischer Mannschaften, zur Genüge.

"Sie spielen Mann gegen Mann mit einem Libero als Mann für alle Fälle, und vorne versuchen zwei Stürmer ihr Glück" – diese Mischung aus Wiener Schmäh und internationaler Fußballer-Chuzpe machte mich zunächst stutzig. Denn immerhin spielen in der Mannschaft aus Turin neun Nationalspieler, von denen sieben im vergangenen Jahr in Spanien mithalfen, den Weltmeistertitel für Italien zu gewinnen, unter ihnen Paolo Rossi, der Mittelstürmer, der Torschützenkönig des Turniers wurde.

50 000 Mark kann jeder der Spieler im Falle eines Sieges verdienen – die Prämie des Vereins und ein Aufgeld des Club-Mäzens und Fiat-Bosses Agnelli machen diese Summe möglich. Als habe er meine Gedanken gelesen, beginnt Ernst Happel mir zu erklären, wodurch sich Juventus Turin möglicherweise von seinem eben noch beschriebenen Schema unterscheide.

"Ristic (Co-Trainer beim HSV) hat die Mannschaft zu Hause gegen Inter Mailand beim 3 : 3 gesehen. Er hat mir gesagt, es sei das Beste, was er seit Jahren an Fußball beobachtet hat – mitteleuropäisch: aggressiv in der Deckung, technisch perfekt im Mittelfeld, das aber schnell überbrückt wird. Hinzu kommt die ständige Bewegung aller Spieler. Ich selbst habe die Mannschaft auf Sardinien gegen Cagliari in einem Auswärtsspiel beobachtet – tatsächlich eine perfekte Mannschaft, die uns ,italienisch‘ kommen wird: hinten Gentile und Scirea, im Mittelfeld Platini und Boniek, vorne Rossi."

Ernst Happel personifiziert das Fußballspiel nicht nur in dieser Kurzbeschreibung. Als ihn ein Reporter im vergangenen Jahr nach dem verlorenen Endspiel um den UEFA-Cup gegen Göteborg (0 : 3) in Hamburg fragte, ob er in Zukunft nicht auch das System der Göteborger spielen wolle, antwortete er nur kurz: "Geben’S mir die Spieler dazu!" Taktik und Systeme sind für ihn vor allem eine geistige Leistung der Spieler, die im Rahmen vorgegebener Aufgaben frei entscheiden können.

Auch er könne aus Eseln keine Rennpferde machen, aber: Manndeckung à la Italien hieße für ihn, Esel nach Athen tragen. Also steht für Ernst Happel auch fest, daß seine Mannschaft "die Richtung halten muß und sich nicht dem Spiel der Turiner anpassen darf". "Stelle ich im Spiel fest, daß ein Spieler nicht klarkommt, unsere Absprache nicht klappt, muß ich mich einmischen. Das muß ich sehen, eingreifen und ändern" – leise, ohne Pathos formuliert Ernst Happel seine Maxime, eine Mannschaft nach seinem Fußball-Bild zu formen.