Von Eike Geisel

Es hat Werbung nicht nötig. In keinem Schaufenster findet man es als Baustein der Jubiläumspyramiden, die zum Luther-, Kafka-, Wagner- und Marx-Jahr oder zur 50jährigen Wiederkehr der Kanzlerschaft des in der Welt bekanntesten Deutschen, Hitler, errichtet werden. Es ist, weil ein Schulbuch, ein verordneter Verkaufsschlager: das Geschichtsbuch "Erinnern und Urteilen", Band IV, erschienen im Klett-Verlag.

Den geheimnisvollen Kräften des Marktes entzogen, konjunkturunabhängig und auf keiner Bestenliste notiert, verrät das Buch, das bei vielen zehntausend Schülern im Gebrauch ist, gleichwohl die geheimen Triebkräfte der Zeit. Auf wenigen Seiten signalisiert es, was Konjunktur hat und was man aus der überbordenden Flut zeitgeschichtlicher Veröffentlichungen erst mühsam entziffern muß: die Versöhnung der Deutschen mit ihrer Geschichte. Im Jargon der Didaktik hieße das: Lernziel Verständnis.

Die Zeiten sind vorbei, in denen Mütter und Väter die aufmüpfige Fragerei ihrer Sprößlinge abwürgen wollten, sich in Elternvereinen organisierten und nach Klassenkampf im Schulbuch schnüffelten. Jetzt herrschen Verständnis und Einfühlung vor, vor allem aber Ausgewogenheit in einer Sache, die gar nicht unausgewogen genug betrachtet werden kann: der Nationalsozialismus.

Ein professorales Gremium unter der anleitenden Herausgeberschaft eines prominenten sozialdemokratischen Schulpolitikers hat die Darstellung des Nationalsozialismus mit jenem Leitmotiv versehen, das mittlerweile zur Erkennungsmelodie eines Generationen- und parteiübergreifenden Einvernehmens geworden sind, nämlich: Die Deutschen hatten es damals auch schwer.

Die Lebensmittel seien rationiert und die Stimmung der Bevölkerung in den letzten Kriegsjahren zusehends schlechter geworden, schreiben die Autoren, um die Gemüts läge der Durchhaltenden venige Sätze später als Friedenssehnsucht zu beschreiben: "....die Bevölkerung in Deutschland ... sehnte sich nach dem Frieden."

Die nationalsozialistischen Deutschen – eine Friedensbewegung? Mit der Sehnsucht nach Frieden im Herzen und der Panzerfaust in der Hand kämpften Frauen, Kinder und Greise bis zur letzten Minute gegen die Befreiung. Diese Sehnsucht, so räumen die Autoren ein, muß wohl doch nicht so unbändig gewesen sein: "... aber trotz der Friedenssehnsucht hatten die Deutschen in ihrer Mehrzahl Angst vor der Niederlage" heißt es abschließend. Also kein Verlangen nach Befreiung, sondern schon damals die deutsche Angst, die nur – wie heute auch wieder – eigentlich nur andere das Fürchten lehrt? Die pikante und aktuelle Verknüpfung von Angst und Friedenssehnsucht hat offenbar einen historischen Grund, der den zu sich kommenden Deutschen heute den Boden unter den Füßen wegzöge. Denn die Angst damals war keine vor der Niederlage, sondern vor der die Freiheit einläutenden Vergeltung. Sie blieb aus bis heute und liegt doch am Grunde des neuen patriotischen Pazifismus.