Aber nicht nur der Zivilbevölkerung soll übel mitgespielt worden sein. Auch die Soldaten der Naziarmee wurden betrogen: Unter einem Kriegsphoto findet sich folgende Erläuterung: "Häuserkampf in Stalingrad bei minus 40° C – ohne Chance". Beim Showdown von der Natur reingelegt, hinterrücks vom russischen Winter übermannt – welche Chance hätten denn die deutschen Soldaten haben sollen? Statt 20 Millionen dann 40 Millionen Russen umzubringen? Eigentlich hätten die Deutschen bei gutem Wetter den Krieg gewinnen müssen – das ist das Fazit jener Bildunterschrift. Nur der Kälteeinbruch und die Dummheit der politischen Führer hätten die Chancengleichheit und damit den Sieg zunichte gemacht; solche Argumente werden immer wieder im Gewand der Vernunft vorgetragen. Doch die Vernunft hat sich, in Gestalt der Natur, als Winter, und in sozialer Gestalt, als Dummheit der Führer, listig behauptet und der Menschheit jenen Sieg erspart.

Wie man in einem Versandhauskatalog nach einem bestimmten Artikel fahndet und vor lauter Verwirrung dann alles bestellt, sind die Schüler in ihrem von Tabellen, Bildern, Quellen und Piktogrammen strotzenden Schulbuch eingekeilt und warten, daß ihnen eine einprägsame Überschrift oder ein Hinweis des Lehrers aus dem Chaos hilft. Blättert man einige Seiten weiter, um zu erfahren, was 16jährige Schüler, eben noch von der tragischen Chancenlosigkeit der Naziarmee berührt, von einem Ereignis wissen sollen, das sich vor wenigen Wochen zum 40. Mal jährte – dem Aufstand und der Vernichtung des Warschauer Ghettos – dann findet man dort vier Sätze. Im Unterschied zu einem bei Diesterweg erschienenen Geschichtsbuch, wo genau vier Worte darüber verloren werden, kommt diese Passage fast einer Würdigung gleich, wäre sie nicht mit einer Überschrift versehen. Sie lautet: "Massenselbstmord in Warschau".

Diese skandalöse Etikettierung des bewaffneten jüdischen Widerstands, die so salopp an die Kommune von Jonestown erinnert, besorgt nichts anderes als eine Verhöhnung der Opfer und eine Entlastung der Mörder. Gerade der Aufstand des Ghettos widerlegt die für die Deutschen so beruhigende Behauptung, die Opfer seien wie Kälber zur Schlachtbank gegangen, eine Behauptung übrigens, die nur den Gedanken daran nicht aufkommen lassen soll, daß die Deutschen wie eine Hammelherde hinter den Nazis hertrotteten.

Darüber hinaus wird in jener schändlichen Verfälschung ein Denkmechanismus sichtbar, den man als rückblickende Zukunftsbewältigung oder als vorausschauende Vergangenheitsbewältigung bezeichnen könnte: Das jenen Menschen angetane Verbrechen kann – als Massenselbstmord tituliert – offenbar nur aus der ebengleich befürchteten Zukunft so begriffen werden. Und damit wird die Verharmlosung der Vernichtung insgeheim zum Verdikt, die Lüge über den Aufstand zur Wahrheit über das eigene Dasein.

Mit dieser Auskunft über das Warschauer Ghetto versehen, bleibt den Schülern nur eines: möglichst zu den Überlebenden zu gehören. Wenn schon der Massenselbstmord – heute in Gestalt des aufgehäuften Vernichtungspotentials – auf die Tagesordnung gesetzt ist, dann kommt es darauf an, möglichst als letzter abzutreten. Und in der Schule werden sie lernen, wer vor ihnen dran war und vor ihnen dran sein soll.