Die Feindseligkeiten in der Koalition sind lebhaft, aber unter Kontrolle. Für Münchner Umgangsformen fast schon nachsichtig kommentierte Franz Josef Strauß die Notwendigkeit, "ernsthafte Gespräche über Schlüsselgebiete der deutschen Politik" innerhalb der Koalition zu fuhren: "Für die FDP gibt es natürlich das Problem, eine Ostpolitik, die mit ihrem Namen und ihren führenden Persönlichkeiten aufs engste verknüpft ist, auch da rechtfertigen zu müssen, wo sie der Korrektur bedarf."

Was im Wie/t-Interview vergleichsweise moderat klang, würde in den Leserbriefspalten des Bayernkuriers kräftiger intoniert, "Lambsdorff sieht offenbar nur das Geschäft", schreibt da ein Dr. Jacobi. Und ein Herr Bulnheim: "Dank gebührt dem bayerischen Ministerpräsidenten Strauß für sein offenes Wort, die realistische Beurteilung und konsequente Haltung, ebenso seinen standhaften Mitarbeitern, die alle zusammen als CSU die Interessen des deutschen Volkes würdig vertreten." Und auch für den Bundeskanzler fällt eine versteckte Warnung ab: "Ich hoffe nur, daß Bundeskanzler Kohl in Ruhe sich unser Verhältnis zur kommunistischen Diktatur in der ‚DDR‘ überlegt."

Es ist freilich nicht allein die CSU, die an der Wende arbeitet, auch der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Dregger hat nachgedacht. Das Ergebnis: "Unsere damalige Kritik am Grundlagenvertrag war begründet und ist von der bisherigen Politik leider voll bestätigt worden." Postwendend kam die Antwort der FDP. Ihr deutschlandpolitischer Sprecher Ronneburger räumte zwar ein, daß die DDR noch viele Möglichkeiten habe, ihr Verhältnis zur Bundesrepublik zu verbessern, aber grundsätzlich gelte, "diese Mängel können das insgesamt positive Urteil der deutschdeutschen Bestandsaufnahme nicht schmälern". Bemerkenswert: Weder hatte Dregger die FDP erwähnt noch Ronneburger die Erklärung Dreggers. Das mindestens unterscheidet die CDU von ihrer Schwesterpartei: die Kontroverse mit der FDP wird sehr viel feinsinniger geführt

Wieviel Renommee der stern durch die gefälschten Hitler-Tagebücher verloren hat, wird erst die Zukunft zeigen. Letzte Woche war in Bonn noch nichts davon zu spüren. Eingeladen war zur Einstandsparty für Barbara Diekmann, die leitende Redakteurin im Bonner stem-Büro wurde. Der stern hatte ein volles Haus. Jener Spott freilich, der in Bonn mehr noch als anderswo dem Schaden folgt, traf nicht mehr. Was da an bissigen Bemerkungen möglich gewesen wäre, die Kollegen vom stern hatten sie alle schon gehört oder schon selber produziert.

Nur einer schien ungebrochen; Herausgeber Henri Nannen. Er verkündete strahlend: "Ich habe sechs Nächte lang nicht geschlafen, da kommt es auf die siebte auch nicht mehr an." Und in seiner Darstellung geriet die Geschichte vom großen Reinfall zum abdruckreifen Illustrierten-Roman, faszinierend und mit wundervoll dosiertem Hautgout.

Mehr noch – und das ist typisch für Bonn – interessierte die Frage, wie es denn weitergehe mit dem stern. Noch hofften die Redakteure, das Schiff mit eigener Kraft wieder flottzumachen. Die Politiker dagegen, in Besitzstandskategorien denkend, trieb die Frage um, aus welchem Stall die neuen Bosse kommen würden.

Manche Genossen hofften zaghaft auf Klaus Bölling, der aber mußte dementieren: "Mir ist nichts davon bekannt." Vertreter der Regierungsparteien ergingen sich in der angenehmen Ahnung, die neue Chefredaktion des Blattes werde nicht mehr aus dem sozial-liberalen Lager stammen,