Auf verstaubten Böden stöbern, rostknarrende Truhen öffnen – ein Vergnügen, das jeden Fund von vornherein veredelt. So muß es auch bei einer Familie Scherff in Berlin gewesen sein, in der sich hartnäckig die Sage von einem großväterlichen Tagebuch aus dem deutsch-französischen Krieg gehalten hatte. Eines Tages stieß irgendein Urenkel räumend auf einen sütterlinbeschrifteten Umschlag und den Schrei aus: "Ich hab’s!"

Was er hatte, sollte Familienandenken bleiben. So große Zeit aber aus so kleiner Sicht könnte doch auch allgemein interessieren:

Richard Scherff: "Kriegstagebuch 1870/71. 5. Comp. 18. Rgts"; hrsg. von Käthe Scherff-Romain. Ins Französische übersetzt von Gerard Romain. Neues Verlags Comptoir, Berlin 1982; 144 S., DM 14,80

Ein schmales Oktavheft hält man in Händen, darin die liebevoll und akribisch edierten Notizen eines einfachen Soldaten: das Ausrücken aus der schlesischen Garnison, der Marsch quer durch Frankreich, Belagerung und Beschießung von Paris, die etappenweise Rückkehr bis zur Ankunft in der Heimat nach über 15 Monaten.

Der Schreiber der insgesamt 33 kleinen Seiten – alles andere ist Beiwerk: französischer Paralleltext, Karten, Faksimiles, Anmerkungen, Bilder – erweist sich als wahrer Tagebuchhalter. Selten einmal notiert er mehr als vier, fünf Zeilen, dafür schreibt er so gut wie täglich. In knappen Telegrammsätzen hält er Wetter, Entfernungen, Marschroute, Übungen fest; er urteilt nicht, klagt kaum, kennt weder Jubel noch Trübsal, kein Leid oder gar Mitleid. Emotionsgipfel sind schon Bemerkungen wie "sehr beschwerlich" oder "Wetter schön". Krieg als Dienstplan.

Über den Krieg im Großen erfahren wir nichts. Selbst als das Regiment am Tag nach der Schlacht bei Sedan biwakiert, fällt kein Wort über den Sieg, nur ein Halbsatz über einen unaufgeklärten Kameradendiebstahl. Die Kaiserproglamation schrumpft zu einem angeordneten "dreimaligen Hoch", die Epidemien im deutschen Belagerungsheer registriert Scherff nirgends, ebensowenig wie die Kapitulation von Paris oder die Friedensschlüsse. Warum noch im Mai ’71 in Paris Kanonen donnern im Kampf der Kommune bleibt unerklärt.

Noch mehr aber verwundert, daß auch zu Weihnachten ’70 außer einem – auch sonst häufigen – lakonischen "1/2 10 Gottesdienst" keinerlei Besinnlichkeit, Heimweh oder andere "deutsche"