Von Horst Vettern

Drei Häuser weiter arbeitet im Münchner Olympischen Dorf eine Müllverwertung. Willi Daumes Schreibtisch in einem zwölf Quadratmeter großen Kabuff sieht so aus, als habe ein Müllwagen versehentlich seine Fuhre hierher entleert. Berge von Akten, Druckfahnen, Manuskripten, Broschüren, eine Sperrholzkiste mit verschiedenem, aber nicht definierbarem Inhalt, Kristallstücke, Keramiken, Bronzen, porzellanfarbener Kitsch, wohl aber auch andeutungsweise Kunst. Der Schreibtisch des Siebzigers sieht also aus, wie er eh und je ausgesehen hat. Insofern trifft man ganz und gar den jungen Daume.

Auch ansonsten ist einiges unverändert. Wie di und je sucht er an der Decke nach Worten, höflich läßt er sich draufbringen, unterbrechen und vom Thema ablenken. Eine leichte Wangenröte verrät dennoch Konzentration. Mit selbstironischer Würde trägt er sein Übergewicht, läßt etwas von seinem latent dunklen Ahnen durchblicken, es könnten einmal die Lebensmittel ausgehen. Rechtsseitig hinkt er erbärmlich, nach einem Sportunfall ist die Kniescheibe kaputt, und er"... kann jetzt nichts mehr machen, außer radfahren".

Der solchermaßen immobil gewordene Willi Daume begann seine Karriere im Sport mit allerlei Spielarten, am erfolgreichsten im Basketball. Dreiundzwanzigjährig nahm er in dieser Disziplin an den Olympischen Spielen von 1936 teil. Das Studium der Rechtswissenschaft, Volks- und Betriebswirtschaft in München und Dresden blieb ohne Abschluß, weil er nach dem Tod des Vaters die elterliche Eisengießerei in Dortmund übernehmen mußte. Nach dem Krieg wurde er mit der Gründung des Deutschen Sportbundes 1950 sofort dessen Präsident und blieb es zwanzig Jahre. Seit 1961 ist er auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, seit 1956 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), zwischenzeitlich für eine Legislaturperiode auch dessen Vizepräsident.

Seine schönsten und traurigsten Schlagzeilen erlebte er mit den Olympischen Spielen von 1972 in München, für die er den Anstoß gegeben und die er organisiert hatte, wenngleich heute so manch anderer Vogel Strauß sein olympisches Gefieder spreizt: Daume hat das Milliardending angezettelt und durchgezogen, er ist dafür gepriesen und gescholten worden, er hat sich vom Zeltdach bis hin zum Miederteil am Dirndlkleid einer nachmaligen schwedischen Königin um buchstäblich alles gekümmert, und seine Umwelt an den Rand der Verzweiflung getrieben. Neun Tage lang wallte er auf olympischen Höhen, dann stand er vor sechzehn Särgen und – scheinbar – vor den Scherben.

Noch einmal aber, die Zeit für eine Midlife-crisis schien sowieso vorbei, setzte er zum "großen Entwurf" (Daume) an. Der vielfache Amtsträger strebte nach der höchsten Würde im Sport. Er wäre auch mit Sicherheit Präsident des Internationalen Olympischen Komitees geworden, da scheiterte er an einem Erdnußfarmer im Weißen Haus und dessen Boykott der Spiele in Moskau. Daume, Mitboykotteur wider Willen, war nicht mehr wählbar.