Von Dieter Buhl

Wer je die Selbstverständlichkeit erlebt hat, mit der die Nachfahren der Mayflower-Engländer oder die Iren Amerika gelegentlich für sich beanspruchen, der wird mit Befriedigung den deutschen Beitrag zur Erschaffung der Neuen Welt wiederentdecken. Vor drei Jahrhunderten betrat die erste Einwanderungsgruppe aus Deutschland die fremden Ufer; seither sind über sieben Millionen Deutsche gefolgt, mehr Neubürger als aus jedem anderen Land. In diesem Jubiläumsjahr soll an ihre Leistung erinnert werden, doch wahrscheinlich wird das nur selten so eindrucksvoll gelingen wie in dem Buch von

Klaus Wust und Heinz Moos (Hrsg.): "300 Jahre Deutsche in Amerika"; Verlags GmbH, München 1983; 185 S., DM 48,–

Gerade heute, da viele Meinungsverschiedenheiten und Mißverständnisse die deutsch-amerikanischen Beziehungen belasten, macht es Sinn, die jahrhundertalte, enge Verwobenheit der beiden Völker wachzurufen. Das Buch beschwört sie herauf mit zeitgenössischen Stichen und Dokumenten, mit interessanten Photos und einem Text, der ohne Pathos, aber einfühlsam die Geschichte der Einwanderung, ihrer Ursachen und Folgen nachzeichnet.

Dazu gehört auch die Schilderung der Heimat, die die Auswanderer verließen. Für die meisten von ihnen war der Abschied von Europa kein leichter Entschluß. Aber nach dem Trauma des Dreißigjährigen Krieges, nach dem Leiden unter Fürstenwillkür und Fremdherrschaft, nach Hunger, Not und Diktatur erschien Amerika vielen immer wieder so, wie es ein deutscher Neuankömmling Ende des 18. Jahrhunderts in einem Gedicht beschrieb: "Hier wo die Freyheits-Fahne weht, / wo die Vernunft gebeut, / wo jeder, als ein freyer Mann, / frey sprechen, glauben, würken kann, / hier ist die güldene Zeit."

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – gerade für die damned dutchmen, die verdammt fleißigen, geschickten, freiheitsliebenden Deutschen, wurde es zum Erlebnis. Nicht alle wurden sie so reich oder berühmt wie die Astors und Rockefellers, die Eisenhowers oder Kissingers. Aber die meisten von ihnen nutzten die Chancen, die ihnen eine dynamische Gesellschaft bot. Die Rückblenden des Buches auf das beschwerliche Leben in der Alten Welt, die Erinnerungen an Krieg und Chaos in Europa dokumentieren zusätzlich das glücklichere Schicksal der Neu-Amerikaner.

Das Erinnerungsbuch mit deutschem und englischem Text schafft jedoch keine gloriose Amerika-Legende. Es nennt auch die Bürden, welche die Deutschen dort zu tragen hatten, zumal während des Ersten Weltkrieges. Doch die biographischen Skizzen von Francis Daniel Pastorius, dem Gründer von German Town bei Philadelphia, über Carl Schurz, dem Innenminister und ersten Umweltschützer, bis zu Wernher von Braun, dem Wegbereiter des Mondfluges, bezeugen eindrucksvoll die Auswirkungen der dreihundertjährigen Völkerwanderung. Ihre Dimension wird besonders sichtbar durch die lange Liste prominenter Einwanderer während der Nazizeit.