Zweifellos, ich hatte ihn unterschätzt, wie er so dasaß in der Abteilung "Hamburger Meister des frühen 16. Jahrhunderts" und völlig unbeteiligt die Daumen drehte. Denn als ich "Die Beweinung Christi" genoß, war er hinter mir. Ich sah ihn schemenhaft auf dem sich spiegelnden Glas des Gemäldes. Er schaute mir offensichtlich über die Schulter. Aber als ich mich umdrehte, pendelte er, wieder völlig unbeteiligt, in eine andere Ecke des Raumes.

Museumswärter müssen sein. Man erkennt sie meistens daran, daß sie sich auffallend unauffällig benehmen. Während der Besucher es sich leisten kann, mit beiden Augen am Kunstwerk zu hängen, wird vom Wärter der Seitenblick auf den Besucher verlangt. Man kann ihn also bei seiner Arbeit nur dann beobachten, wenn man selbst einmal einen Seitenblick riskiert.

Nun wird man natürlich einwenden, wie man angesichts der Kunst auf die Idee verfallen könne, auch noch einen Blick auf die Kunst-Wächter zu werfen. Es sei denn, man hätte die Absicht, einen handlichen Caspar David Friedrich zu klauen. Aber wer will das schon?

Trotzdem lohnt es sich, einmal jene Leute zu beobachten, von denen man selbst beobachtet wird. Sie sehen in jedem Museum gleich aus, und wer als Abonnements-Besucher etwa in der Münchener "Pinakothek" zu Hause ist, der wird sich bei einem Abstecher nach Hamburg auch in der "Kunsthalle" sofort heimisch fühlen. Die Museumswärter sorgen dafür.

Sie sind meistens über fünfzig, tragen Schlips und halten sich dezent im Hintergrund. Und wer immer noch unsicher ist, der erkennt sie an dem Schildchen, das sie im Knopfloch tragen, wohl, um den Eindruck zu vermeiden, es könnte sich bei ihnen um eine Art Geheimpolizei handeln.

Die Wärter sind da, weil sie dasein müssen, damit wir im Museum nichts vermissen. Natürlich, vor dem Riesengemälde von Hans Markart "Der Einzug Karls des V. in Antwerpen" – Hamburger Kunsthalle, eine Treppe hoch – steht kein Mensch mit Schildchen im Knopfloch. Warum auch. Ein Gemälde in Häuserfront-Format läßt sich schwerlich in die Tasche stecken.

Aber einige Räume weiter, bei Arnold Böcklins "Heiliger Hain", habe ich ihn als Spiegelbild hinter mir. Ich ahne es, er ist mißtrauisch, weil ich mir Notizen mache. Er begleitet mich auf Distanz bis zu Anselm Feuerbachs "Urteil des Paris", und dann ist er weg. Vermutlich, weil Caspar David Friedrich nicht mehr zu seinem Revier gehört.