Die Aktion "Brot für die Welt" hat ihrer Spendenkampagne in diesem Jahr ein provozierendes Motto gegeben:

Was waren das früher doch für herrliche Zeiten. Als ich noch in den Kindergarten ging, habe ich in der Fasten- und Adventszeit immer ein paar Groschen für die Mission in der Dritten Welt, die damals natürlich noch nicht so hieß, gespendet; da stand auf einem Regal, sorgsam von den Nonnen bewacht, ein lebensgroßer Kopf eines Negerknaben mit wulstigen Lippen und – da, wo eigentlich der Hals hätte sitzen müssen – einem mittelgroßen Kasten: die Sparbüchse. Immer, wenn die Münzlein im Kasten klangen, ein paar heidnische Mohrenseelen in Afrika aus dem Fegefeuer sprangen. Und des Negerknaben goldiger Kopf nickte dankbar, weil die Kirche doch auch das Scherflein vom kleinen Klaus verwenden konnte, um noch ein paar Afrikaner, Indianer und Asiaten mehr zu bekehren.

Das ist nun vorbei; die Kirchen selbst gönnen uns diese kleine Freude nicht mehr, mit der wir so trefflich unser schlechtes Gewissen beruhigen konnten, das nagte und bohrte, weil wir in der Fastenzeit doch im Kino gewesen waren und Schokolade gegessen hatten. Schlimmer noch: Heute legen es die Kirchen sogar darauf an, uns erst das Geld für die Menschen in der Dritten Welt abzuverlangen – und hinterher um so mehr zu betonen, daß wir jetzt gerade ein schlechtes Gewissen haben müßten.

Nehmen wir "Brot für die Welt". Das ist eines der evangelischen Hilfswerke für die Entwicklungsländer. In diesem Jahr bittet es schon zum 24. Mal um Spenden. In Afrika, Asien und Lateinamerika sollen Hungernde mit Essen, Kranke mit Medikamenten, unterentwickelte Regionen mit Projekten zur Selbsthilfe versorgt werden. Und wir, die wir dafür spenden sollen, bekommen von den kirchlichen Entwicklungshelfern zum Dank die nagenden Selbstzweifel, verbunden mit der Erkenntnis, daß Almosen nicht reichen. Ehrliche und wirkliche Hilfe leisten wir nur, wenn wir in den westlichen Industrienationen allesamt abspecken und unseren aufwendigen Lebensstil reduzieren.

"Hunger durch Überfluß?" fragt "Brot für die Welt" in diesem Jahr provozierend. Aber die Frage, Motto der laufenden Spendenkampagne, kann man wohl nur rhetorisch verstehen. Dann jedenfalls, wenn man im dazugehörigen Arbeitsheft in eigentlich einseitiger, oft überspitzter, aber zum Nachdenken zwingender Form über die skandalösen Zusammenhänge zwischen hiesigem Reichtum und dortiger Armut unterrichtet wird. Wenn man liest von landwirtschaftlicher Überproduktion und Vernichtung lebenswichtiger Grundnahrungsmittel in den EG-Staaten einerseits und dem Hunger in der dritten Welt andererseits. Oder davon, daß unsere Bauern aus den Entwicklungsländern billiges Futter für ihr Mastvieh kaufen, das den Erzeugerstaaten zwar Devisen bringt, ihnen aber Lebensmittel für ihre eigene Bevölkerung nimmt.

Und schließlich: jedes Jahr werden in der ganzen Welt 1,3 Billionen Mark für die Rüstung verpulvert, das sind 40 000 Mark in jeder Sekunde, Jede Sekunde wird aber auch ein Kind geboren, jedes dritte stirbt an Unterernährung oder Mangelkrankheiten, bevor es ein Jahr alt geworden ist. 450 Millionen Menschen hungern, schätzt die Landwirtschaftsorganisation der UNO.

Das sind unangenehme Wahrheiten – und so machte sich "Brot für die Welt" mit seinem provokanten Denkanstoß nicht nur Freunde. Unter anderem brachte das evangelische Hilfswerk den ersten Mann der deutschen Landwirtschaft auf die Palme. Constantin Freiherr von Heereman, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, wähnte seine Landmannen diffamiert und erhob Protest.